Detlef Landeck

„Ich war immer eine Art Musikant“

Als Jazzmusiker, Veranstalter, Initiator von Projekten, Musikschullehrer, Dozent und Bandleader ist Detlef Landeck nicht nur in Kassel ständig unterwegs.

Aufmerksame Konzertbesucher können Dich innerhalb weniger Tage auf verschiedenen Bühnen mit sehr unterschiedlichen musikalischen Programmen sehen, so z.B. im Kammerkonzert des Kasseler Staatstheaters „Barock meets Jazz“, im Schlachthof mit coolem Westcoast Jazz und zum Start der Documenta wartest Du in der Reihe „Shelter Sounds“ mit einem Piaf-Abend im Kulturbunker auf.

Diese Vielseitigkeit ist Fluch und Segen. Ich habe mehrere Standbeine und die sind auch zum Überleben notwendig. Neben meinem Unterricht spiele ich in mehreren Bands und arbeite seit vielen Jahren als Theatermusiker in Kassel und Göttingen. Daneben gibt es einen kommerziellen Bereich, da ist alles dabei, „Music for all locations“ sozusagen. Ich war fünf Jahre lang auf Tour mit Señor Coconut and His Orchestra sowie mit Shantel & Bucovina Club Orkestar, wo ich als „Posaunist mit Bassfunktion“ auf Festivals auftrat. Manchmal würde ich mich jedoch gerne auf nur eine Band konzentrieren und sie nach vorne bringen. Aber irgendwie ist mir das zu langweilig. In den achtziger Jahren war die erste wichtige Station für mich das Sextett MÖRFIYE, in den Neunzigern war ich viel mit meinem Trio OUT-POINT unterwegs und immer wieder mit vielen anderen interessanten Projekten zwischendurch. Mit dem Quintett Chromatic Alarm, der Lieblingsband des leider vor kurzem verstorbenen Baritonsaxofonisten und Musikwissenschaftlers Ekkehard Jost, wagten wir uns seit 1992 in Randbereiche des Jazz vor, experimentierten und improvisierten auf Teufel komm raus, jenseits stilistischer Schubladen. Hier habe ich viele Jazzmusiker aus Köln, Berlin und ganz Europa kennengelernt. Josts Tod ist ein großer Verlust für mich. Er war auch ein Musikant wie ich, vielleicht haben wir uns deshalb so gut verstanden. Allerdings hatte er den weitaus größeren Überblick. Eigentlich war ich immer eine Art Musikant. Schon in der Schule habe ich gerne in Schülerbands, im Musikverein und in Tanzkapellen gespielt. Am liebsten wollte ich aber immer Jazz machen, den Swing, den Groove oder mindestens den Puls spüren.

Was macht denn für Dich den Jazz aus?

Was den Jazz betrifft, bin ich Fusionist. Mich interessiert das Lebendige am Jazz und das Potenzial, das ihm innewohnt. Das verbindet mich besonders mit Matthias Schubert, der gerne seinen Schwerpunkt u.a. auf die Neue (improvisierte) Musik legt. Es gibt keine Grenzen für diese Musikrichtung, die auch elektronische Komponenten verträgt. Wir haben z.B. gerade mit einer Band aus der Belegschaft des VW-Werks in Baunatal eine Soundperformance erarbeitet, in der Olaf Pyras Autoteile als Percussioninstrumente benutzt und Wolfram der Spyra den Sound von laufenden Maschinen aus dem Werk unterlegt. Ich habe ein tolles Duo mit Natsuko Inada, wo wir viel japanische Musik einbauen, oder einige Projekte mit ungewöhnlichen Besetzungen, wie z.B. „GBL Guerilla Jazz“. Nicht aufhören zu forschen ist mein Motto und das sollte das Motto von jedem Jazzer sein, außerdem Risikofreude. Das „Lebensgefühl Jazz“ ist allerdings selten geworden.

Ist Kassel ein gutes Pflaster für Jazzmusiker?

Auf jeden Fall. Gemessen an der Größe der Stadt haben wir hier viele gute Musiker und Auftrittsmöglichkeiten. Eine gute Szene. Der Nachwuchs ist immens wichtig und viele ältere Jazzer in Kassel setzen sich für ihn ein. Wir werden hier eher wahrgenommen als in größeren Städten. Ich habe vor einiger Zeit Hans Tammen in New York besucht und gesehen, unter welch miserablen Bedingungen Musiker dort auftreten. Hätten sie einen Ort wie z. B. den Kulturbunker mitten in der Stadt, wären sie glücklich und die Bude wäre jeden Abend voll.

Im Kulturbunker findet seit einigen Jahren Deine Konzertreihe „Shelter Sounds“ statt. Wird es eine Fortsetzung geben?

Der Kulturbunker konnte die Bühne in den letzten Jahren nach und nach besser ausstatten und ich denke, dieser Prozess wird weiter fortschreiten. Das ist sehr positiv. Das Kulturamt der Stadt Kassel unterstützt die Reihe und im Documenta Jahr auch zum ersten Mal das Land Hessen. Trotzdem brauchen wir noch einen Sponsor. Eintritt und Förderung reichen meistens nicht, um die Musiker anständig zu bezahlen und der Selbstausbeutung einen Riegel vorzuschieben. Deshalb spielen oft kleine Ensembles. Bei uns gibt es eine feste Gage, egal wie viele Zuhörer kommen und das ist das Problem. „For the door“ möchte ich meinen Kollegen nicht zumuten. Mal sehen wie es weitergeht.

Gibt es in diesem Zusammenhang konkrete Wünsche?

Noch mehr musikalische Sternstunden, wie es schon manche gegeben hat. Und ich wünsche mir ein Stammpublikum, das mir vertraut, dass spannende Bands kommen, auch wenn es nicht „Names“ oder „Local Heroes“ sind. Der Kulturbunker ist ein Farbtupfer zwischen Schlachthof und Theaterstübchen und es gab auch viel Zuspruch. Ich wünsche mir auch vom Publikum mehr Risikobereitschaft, kurz gesagt, auch hier wieder das „Lebensgefühl Jazz“.

Kurzbiografie

Detlef Landeck studiert zunächst Musik und Germanistik in Kassel, später Jazz in Hannover, spielt hauptsächlich Posaune und auch Akkordeon, Trompete, Tuba; Jazz- und Theatermusiker, Musikschullehrer und Dozent, Leiter der Unibigband Göttingen und der Bigband des Institutes für Musik an der Universität Kassel, spielt in vielen Ensembles unterschiedlicher Stilrichtungen von Jazzstandards bis zu experimentellem Jazz (Cool Breeze, Thinks, Sound of Change, GBL-Guerilla Jazz u.a.), seit 1993 Organisator von Konzertreihen, darunter seit 2012 die Reihe „Shelter Sounds“ im Kulturbunker, viele Preise, u.a. 1994 den Kulturförderpreis der Stadt Kassel und 2008 den Hessischen Jazzpreis.

Detlef Landeck gründete 1990 mit Hans Tammen und Henner Urff den Förderverein Kasseler Jazzmusik und war mehr als zehn Jahre Vorsitzender.

Mehr Informationen unter www.detleflandeck.de

Foto: Gabriele Nielsen