Kerstin Röhn

„Die interessantesten Projekte sind mir bisher auf der Nebenstrecke begegnet.“

Ihr Markenzeichen ist Stilvielfalt, sie arbeitet u.a. als Dozentin und Theatermusikerin, spielt in verschiedenen Ensembles vom Duo bis zum Sinfonieorchester. Im breiten Spektrum ihrer musikalischen Möglichkeiten nimmt Jazz einen besonderen Platz ein.

Du kommst gerade von der Uni, an der Du als Dozentin für Saxofon arbeitest. Wie sieht es mit der Jazzbegeisterung bei den Musikstudenten aus?

Ich sehe schon eine Vorliebe für Swing und Jazz, das liegt wohl im Trend. In Konzerten mit gemischten Programmen erfreuen sich die Jazznummern immer besonderer Beliebtheit, man kann mitgrooven und bekommt gute Laune. In Kassel gibt es übrigens eine sehr lebendige Swing Tanzszene, in der teilweise auch Studenten aktiv sind.

Worum ging es heute im Unterricht?

Ich hatte eine Probe mit dem studentischen Ensemble Unisax. Am Semesterende werden unsere Arbeitsergebnisse in einem Konzert präsentiert. Dabei werden Stücke aus ganz verschiedenen Stilrichtungen zu hören sein, Jazz ist nur ein Teil davon. In diesem Semester habe ich ebenfalls Klassik und Barock auf dem Zettel. Es gilt, die Besonderheiten der jeweiligen Stilrichtung herauszuarbeiten. Im Jazz heißt das z.B., sich in einem Stück klanglich schwierige Jazzharmonien vorzunehmen, zu schauen, wie die Akkorderweiterungen klingen und was das für die Intonation bedeutet, abgesehen natürlich vom Groove und den Soloteilen. In einem reinen Bläserensemble sind dies ganz eigene Herausforderungen. Wenn man den besonderen Sound einer musikalischen Stilrichtung richtig gut herausarbeitet, kann übrigens auch Barockmusik richtig gut „grooven“. Für diese Musik hege ich ebenfalls eine große Vorliebe.

Wir sprechen heute über die Musikerin Kerstin Röhn und dabei nur über einen Ausschnitt ihres musikalischen Repertoires von Bach bis zu experimentellem Jazz. Welche Rolle spielt Jazz in Deiner Musikerkarriere?

Es gab ein besonderes Erlebnis, das mir eine neue Welt eröffnete. Da war ich Anfang zwanzig, studierte Querflöte (klassisch) und spielte nebenbei Saxofon in der Bigband „Jazz oder Nie“. Dort begegnete ich Willem Breuker, der aus der Amsterdamer Free-Jazz Szene kam und als Gastmusiker mit uns auftrat. Er hat mir geholfen, über die erste richtige Improvisationsklippe zu springen, genau genommen hat er mich gestoßen, und plötzlich war ich frei. Der Himmel ist für mich aufgegangen – heraus kam musikalisch wahrscheinlich erst mal die Hölle. Egal! Ich bin diesem Mann unendlich dankbar dafür.

Wieviel Jazz macht denn die Musikerin Kerstin Röhn heute aus?

Im Herzen 100 Prozent! Ich liebe Jazz in allen Variationen und Stilen, am besten live, um die Interaktion hautnah mitzuerleben. Guter Sound, guter Groove und eine musikalische Kommunikation begeistern mich. Ich bezeichne mich allerdings nicht in erster Linie als Jazzmusikerin, sondern als Musikerin, die in vielen Stilen zuhause ist. Bei „sistergold“, unserem Frauen-Saxofonquartett, gibt es auch immer Jazzanteile, es swingt, es groovt, wir improvisieren viel – für Jazzpuristen mag unsere Art möglicherweise nicht genügen. Für uns ist Unterhaltung aber nicht das Gegenteil von anspruchsvoller Musik; es muss eben alles gut sein und wir wollen unser Publikum „mitnehmen“.

Im letzten Sommer warst Du Gastmusikerin bei einem Konzert des Trios FN22, das in der Reihe Kasseler Kunsthappen auf der Terrasse des Museums für Sepulkralkultur stattfand. Selten gibt es in einer überaus heiteren Atmosphäre an einem lauen Sommerabend mit Wein und Häppchen beim Publikum solch eine ungeteilte Aufmerksamkeit für die Musik, insbesondere für die Solos.

Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich ein Publikum für Jazz begeistern lässt, auch wenn er nicht nur leichtfüßig daherkommt. Auch für mich war dieser Auftritt sehr schön; ich konnte mich in ein Federbett hineinlegen, das Urban Beyer, Heiko Eulen und Jörg Müller-Fest für mich bereitet hatten – allerfeinste Daunen. Die Leute mögen es, wenn im Ensemble Spielfreude rüberkommt. Dann lauschen sie gerne. Wir hatten zusammen eine Kissenschlacht.

Du schreibst Arrangements für verschiedene Ensembles und komponierst eigene Stücke.

Das sind meistens Kompositionen nach Bedarf, d.h. ich schreibe Musik, die ich z.B. für unser Figurentheater Laku Paka benötige. Die Grundlagen der Komposition habe ich im Studium gelernt, darüber hinaus habe ich mich ausgiebig mit Bühnenmusik beschäftigt. Es macht mir großen Spaß, Theaterszenen musikalisch in eine bestimmte Richtung zu lenken. Das funktioniert ganz subtil ohne den „Holzhammer“. Jazzelemente habe ich für die „Die Bremer Stadtmusikanten“ verwendet und bei „Frau Mangolds kleiner Garten“ gibt es Swingiges, eingespielt von lieben Kollegen, die es können. Ich schreibe eh nur für Instrumente, die ich entweder selbst spiele oder zumindest einigermaßen verstehe.

Du spielst Sopran-, Tenor-, Alt- und Baritonsaxofon sowie Klarinette, Bassklarinette und Querflöte. Welche musikalischen Herausforderungen gibt es für die erfolgreiche Solistin, Ensemblespielerin, Arrangeurin, Komponistin und Theatermusikerin und wo sind überhaupt Nischen für neue Erfahrungen?

Nischen und Herausforderungen gibt es immer wieder aufs Neue, z.B. mit dem Quartett „Lotte la Boom“. Wir umkleiden alle möglichen Songs von Pop bis Tango mit einem Jazz- oder Latingewand. Plötzlich wird ein einfaches Drei-Akkorde-Stück interessant durch neue Soloteile, Erweiterungen, andere Grooves.

Mit der Pianistin Natsuko Inada hatte ich viele Jahre ein ganz wunderbares Duo. Wir spielten größtenteils eigene Stücke, in denen sie große schöne Bögen spannte, auf die ich mich draufsetzen konnte. Aktuell habe ich mir ein neues Instrument erschlossen, das ich als Gast am Staatstheater Kassel in der West Side Story spiele: das Basssaxofon – eine Ganzkörpererfahrung mit hohem Grooveanteil. Mal sehen, was es mir noch erzählen wird.

Da sind wir mal gespannt. Bist Du in Deinem musikalisch-künstlerischen Leben auch schon einmal gescheitert?

Ja natürlich. Immer mal wieder zu scheitern, gehört dazu. Es ist in diesem Moment nicht angenehm, aber man geht meistens am Ende gestärkt daraus hervor, z.B. in meinem Studium. Ich studierte Hauptfach Querflöte – aus mir sollte ja etwas Ordentliches werden – und ich hatte drei Jahre lang das Gefühl, nicht richtig spielen zu können. Erst im vierten und letzten Jahr änderte sich das, weil ich in einen anderen musikalischen Kontext kommen konnte. Ich machte ein ziemlich gutes Examen und hatte trotzdem das Gefühl, mit diesem Instrument gescheitert zu sein. Die Querflöte rührte ich danach jahrelang nicht mehr an. Das hat sich geändert, ich spiele wieder ganz gerne, aber mehr Jazz oder Latin, keine Klassik mehr. Die Klassik ist meinem Saxofon vorbehalten. Und hier zeigt sich, dass es doch etwas Gutes hatte: das, was ich im Studium gelernt habe, und das war doch einiges - kann ich ganz wunderbar aufs Saxofon übertragen. Als Lehrerin habe ich mir aber geschworen, meinen Studenten solch eine frustrierende Erfahrung zu ersparen. Das war völlig überflüssig.

Verrätst Du uns etwas über Deine nächsten Projekte?

Lieber nicht. Vorgefertigte Pläne funktionieren bei mir nicht. Ich gehe mit offenen Augen und Ohren durch die Welt und nehme gerne auf, was mich scheinbar unauffällig am Wegesrand anlacht, Dinge, die eher beiläufig zu mir kommen. Die interessantesten Projekte sind mir bisher sowieso eher auf der Nebenstrecke begegnet.

Du hast jetzt einen Wunsch frei: Mit wem würdest Du gerne einmal spielen?

Ganz klar, mit Mulo Francel von Quadro Nuevo. Dieser Tenorsound! Ich möchte in seinem Saxofon wohnen.

Mal sehen, was wir für Dich tun können.

Kurzbiografie

Kerstin Röhn spielt seit ihrem neunten Lebensjahr Saxofon, seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr Querflöte, studiert in Kassel klassische Musik mit Hauptfach Querflöte, später Popularmusik mit Hauptfach Saxofon in Hamburg; spielt seit ihrer Studentenzeit in der „Jazz oder Nie“ Bigband, die sie von 2002 bis 2006 leitet, ebenso in der Uni-Bigband Kassel, deren Leitung sie 2010 für drei Jahre übernimmt; seit einigen Jahren unterrichtet sie als Dozentin an der Universität Kassel und leitet das studentische Saxofonensemble Unisax; zahlreiche Musik- und Theaterauftritte in wechselnden Formationen verschiedener Stilrichtungen im Klassik-, Jazz- und Popbereich; 2009 Gründung des Frauen-Saxofonquartetts „sistergold“; außerdem ist sie Komponistin, Regisseurin und Puppenspielerin beim Figurentheater Laku Paka.

Mehr unter www.kerstin-roehn-saxophon.de

Foto: privat