Klaus Wenderoth

"Seit sechzig Jahren ein bisschen Musik"

Spätestens seit Klaus Wenderoth die Kasseler Jazzlegende Henner Urff traf, ist er als Pianist und Arrangeur von Jazzstandards auf vielen Bühnen in Kassel und Umgebung zuhause.

Das Henner-Urff-Quintett steht für die Wiederbelebung des Jazz in Kassel und Du warst dabei. Wie hast Du Henner Urff kennengelernt?

Das war 1982. Unsere Band Alis No 5 spielte zur Neueröffnung des Wumpicek in der Treppenstraße. Henner kam ans Klavier, spielte mit seinen mächtigen Pranken etwas von Erroll Garner und wir kamen ins Gespräch. Daraus entstand ein wenig später das Quintett mit Henner Urff am Vibrafon, Reinhold Brundig am Schlagzeug, Wolfgang Mewes an der Gitarre, Ali Soethe am Bass und Hansi Rödig am Altsaxofon; ich spielte Klavier. Henner war in Kassel bekannt. Er hatte schon in den dreißiger Jahren Jazz gemacht, sich deswegen mit den Nazis geprügelt und nach dem Krieg ist er, wie viele andere Jazzer, in den amerikanischen Soldatenclubs aufgetreten. Bis zu seinem Tod 2002 hat er die Jazzszene geprägt und - nicht zu vergessen- 1990 zusammen mit Detlef Landeck und Hans Tammen unseren Verein gegründet.

Ihr habt euch scheinbar zum richtigen Zeitpunkt getroffen.

Ja, denn mein Weg zum Jazz war eher ein Gemischtwarenladen sondergleichen. Angefangen hat es mit Klavierunterricht bei Fräulein Sandrock in Röhrenfurth, doch damit war ich nach einem halben Jahr durch. Etüden üben, das war nicht mein Ding. Mit Vater und Schwester habe ich weiter musiziert, aber nachdem man mich gezwungen hatte, in der Stadthalle von Melsungen, wo ich zur Schule ging, im Duo aufzutreten, war es vorbei mit der klassischen Musik.

Wie kamst Du dann zum Jazz?

Als Schüler habe ich AFN gehört, das hat mich inspiriert. Mit einigen Freunden habe ich rumgemuckt. Ich hatte mir einen Sperrholzbass gekauft. Wir spielten nach, was wir gehört hatten und ein Kofferradio diente als Verstärker. Hinzu kam ein Akkordeonspieler, der sogar schon verminderte Akkorde spielen konnte, das hatte er bei den GIs gelernt. Unsere Gruppe trat des öfteren im Rolandsbogen in Beiseförth auf; dafür haben wir 20 DM bekommen, viel Geld damals. Erste Gehversuche in Richtung Jazz gab es mit Frank Selten, einem Klassenkameraden, der später in der Barrelhouse Jazzband Saxofon spielte. Mit ihm probten wir in einem Gartenhaus das New Orleans Zeug.

Das hört sich nicht so an, als ob der Funke schon übergesprungen wäre.

Na ja, ich habe mich nicht nur für Jazz interessiert. Wir haben z.B. das Bartenschwätzer Kabarett aus Melsungen musikalisch begleitet und mit einem Trio um die Chansonsängerin Gertraude Riemer machten wir Plattenaufnahmen und gingen auf Konzertreisen. Mein aktuelles Projekt "4 Töne - 1 Spruch", ein lyrisches Musikprogramm mit der Sängerin Christiane Winning, dem Rezitator Frank Sikora und den Musikern Jürgen Bock und Jörg Müller-Fest, setzt diese Linie fort.

In den sechziger und siebziger Jahren stand der Jazz in Konkurrenz zur populären Beat-, Rock- und Popmusik. Wie habt ihr darauf reagiert?

Wir sind auf der Welle mit geschwommen, spielten Songs von den Beatles, Kinks, Beach Boys und damit konnte man richtig Geld verdienen, bis die riesigen Discos die Live Bands verdrängten. Aber der Jazz war nie tot, auch in Kassel nicht. Es gab weiterhin Bands, Clubs und Konzerte. Im Wumpicek traf man sich seit Anfang der siebziger Jahre jeden Donnerstag zum Jazz hören. Es war die Zeit des Bebop und der Adderley Brothers. Und bei den Amerikanern im NCO-Club in Rothwesten zu spielen, machte auch richtig Spaß.

Mit dem Henner-Urff-Quintett kam Anfang der achtziger Jahre wieder Bewegung in die Kasseler Jazzszene, in die Du einsteigen konntest und bis heute als Pianist und Arrangeur von Jazzklassikern des Swing, Hardbop, Bebop, Latin und Soul Jazz dabeigeblieben bist.

Ich hatte das Glück, in der Zeit der Perestroika zwischen 1989 und 2001 viermal mit dem Henner-Urff-Quintett in der Sowjetunion bzw. in Russland bei Jazzfestivals aufzutreten, wo wir großartige russische Musiker, die uns musikalisch weit überlegen waren, kennenlernten. Da wird man schon ein wenig demütig. In der Susanne-Vogt-Band darf ich auch schon längere Zeit mitspielen. Es ist mir eine Ehre, durch Susanne musikalische Ebenen zu entdecken, die ich vorher so nicht gekannt habe. Ich habe in vielen Bands gespielt, Bands gegründet und bin hier und da aufgetreten. Wenn ich anderen mit meiner Musik eine Freude machen konnte, bin ich zufrieden. Manchmal kam einer nach einem Auftritt auf mich zu und sagte mir, dass es ihm gefallen hätte. Jedenfalls habe ich wohl nicht gestört! Mein neues Projekt sind die "Fables of Jazz", das ich mit Helmut Schäfer, der Saxofon spielt, vorbereite; zum Quartett gehören außerdem Jörg Damm am Schlagzeug und Michael Reiß am Kontrabass. Nach Charles Mingus haben wir uns Thelonius Monk vorgenommen. Die Stücke haben es in sich, da muss man sich richtig hineinarbeiten. Aber mir kommt die Monksche Suche nach der Harmonie sehr entgegen.

Du bist kein Berufsmusiker; war die Musik dennoch mehr als nur eine Freizeitbeschäftigung?

Ich habe mich dafür entschieden, in beiden Richtungen frei zu sein. Meine beruflichen Entscheidungen ließen mir genug Freiheit, die Musik zu machen, die ich machen wollte und ich war nicht gezwungen, mit Musik meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Man könnte es aber auch so sagen: Mich zeichnet die relative Erfolglosigkeit aus, was mich aber weiter nicht stört.

Das sagt einer, den Mitmusiker den "Harmoniekönig Kassels" nennen!

Das möchte ich so erklären: Da ich nie eine musikalische Ausbildung genossen habe wie die meisten meiner Mitspieler, gehöre ich als ewig Suchender mehr in die Abteilung „Harmonien erkunden“ als in die Abteilung „fix spielen“. In meinem Alter spielt die Schnelligkeit keine Rolle mehr. Wenn ich nicht hinterherkomme, lass‘ ich es dann lieber halb so schnell aber dafür harmonisch ausgeklügelt laufen. Meine musikalische Karriere ist absolut unbedeutend, ich erfreue mich aber doch an der Musik.

Kurzbiografie

Klaus Wenderoth, Autodidakt aus musikalischem Elternhaus, macht seit seiner Schulzeit Musik, spielt zunächst Bass, später Klavier in diversen Jazz-, Beat- und Rockbands, begleitet Kabarettisten und Sänger, Backgrounder am Klavier, seit Anfang der achtziger Jahre Mitspieler in verschiedenen Bands (dodatdere, Susanne-Vogt-Band, Snowfall, SMG, Trio Kassenschlager u.a.), zeitweilig deren Initiator und wagt sich nun mit der Band "Fables of Jazz" an die Großmeister des Jazz heran.

Klaus Wenderoth ist Schriftführer und - nach eigenem Bekunden - "Mädchen für alles" im Förderverein Kasseler Jazzmusik.

Foto: Privat