Rolf Denecke

„Ohne die Urmutter Blues geht eigentlich gar nichts“

Als gefragter Bassist, Theatermusiker, Musikschullehrer und Organisator ist Rolf Denecke seit vielen Jahren in der Musikszene aktiv.

Jazz in Kassel und Rolf Denecke sind geradezu synonyme Begriffe. Wie kam es dazu?

Ich bin schon sehr lange dabei, habe in vielen Bands gespielt, Bands gegründet, Auftritte organisiert und bin mit Musikern auf Tournee gewesen. Man kennt sich und wird gefragt. Aus der 1985 gegründeten Bigband Jazz-oder Nie und der Göttinger Bigband Unisono kenne ich viele Musiker, die heute noch hier aktiv sind. Davor gab es schon verschiedene eigene Bands, z.B. Untitled oder Chapter X. Durch die Bekanntschaft mit Detlef Landeck und Hans Tammen in der Gründungszeit des FKJ (Förderverein Kasseler Jazzmusik) bin ich vom Jazzrock immer mehr zum „Jazz-Jazz“ gekommen. Ich glaube, es gibt keinen Jazzmusiker in Kassel, mit dem ich nicht schon einmal gespielt oder in einem Projekt zusammengearbeitet habe. Ich war lange in der Bluesband Steppin‘ Out, war mit Edgar Knecht in Europa und in den USA und mit Hamid Baroudi weltweit unterwegs. Aktuell gibt es ein Trio mit Edgar Knecht und Tobias Schulte, das zusammen mit dem syrischen Pianisten Aeham Ahmad gerade an CD Aufnahmen arbeitet. Nach dem erfolgreichen gemeinsamen Konzert im Februar 2017 im Opernhaus werden wir demnächst auch einige Gastspiele geben. Außerdem sind Projekte mit Detlef Landeck und Sven Grau sowie mit Natsuko Inada und Christoph Busse geplant.

Du hast bisher aber nicht nur mit Kasseler oder Göttinger Musikern gespielt.

Nein. Mit der Edgar Knecht Band gab es Auftritte mit internationalen Stars wie z.B. Jean-Louis Matinier, von der Göttinger Bigband wurde ich für Auftritte mit Barbara Thompson & Jon Hiseman engagiert, traf dort auch auf Jasper van’t Hof und Bill Ramsey. Als Bassist von Slide Connection spielte ich mit Nils Landgren und vor kurzem beim Hamid Baroudi Konzert in Algier mit dem Weltklasse-Perkussionisten Rhani Krija, um einige Beispiele zu nennen.

Wie würdest Du Dich musikalisch einordnen?

Ich bin Jazzmusiker im weitesten Sinn; mich interessieren die Vielfalt und die rhythmischen Möglichkeiten, die Jazz zulässt. Jazz ist für mich keine Frage des Alters, der Herkunft, der Hautfarbe oder des Geschlechts, eher eine Chance, sich respektvoll zu begegnen und voneinander zu lernen. Die Musik von Louis Armstrong, Duke Ellington und Hazy Osterwald, die mein Vater hörte, haben mich als Kind fasziniert und ich wollte unbedingt ein Instrument lernen, spielen, was ich gehört hatte, Trompete oder Klarinette. Jazz ist daher seit meiner Kindheit auch ein Lebensgefühl. Hochmotiviert ging ich zum Klarinettenunterricht, stellte das Instrument aber schnell wieder in die Ecke, nachdem ich zwei Monate Ännchen von Tharau üben musste; das klang so gar nicht nach Benny Goodman. Dann waren Santana und Jimmy Hendrix angesagt. Ich bekam einen E-Bass zu Weihnachten, bastelte mir einen Verstärker, brachte mir selber E-Bass spielen bei, gründete mit einem Freund, der Gitarre spielte, meine erste Band. Später nahm ich Kontrabassunterricht. Fusion, d.h. die Verbindung von Jazz und Rock, ist heute noch einer meiner musikalischen Schwerpunkte. Darüber hinaus habe ich durch die Arbeit mit Grupo la Esencia, Diego Jascalevich und Edgar Knecht Salsa und Latin Jazz in mein Repertoire aufgenommen, auch Soul und Funk gehören dazu. Afrikanische Rhythmen und Roots konnte ich bei Hamid Baroudi vertiefen und ohne die Urmutter Blues geht eigentlich gar nichts. Jazzimprovisation à la Davis, Parker und Coltrane ist immer wieder eine Herausforderung, aber auch freie Konzepte, Neue Musik sowie klassische Kompositions- und Ausdrucksformen haben mich beeinflusst. Niemals aufhören zu lernen, mit offenen Ohren dabei zu sein ist für mich wichtig; selbst von meinen Schülern habe ich schon Neues gelernt.

Du stehst nicht nur auf der Bühne, sondern sorgst, nicht zuletzt als Vorsitzender des Jazzvereins, auch dafür, dass andere Musiker Auftrittsmöglichkeiten bekommen. Wie läuft die Jazzsession, die Du einmal im Monat zusammen mit Sven Grau im Schlachthof organisierst?

Diese Jazzsession gibt es schon ewig und sie ist nach wie vor eine gute Gelegenheit für Jazzmusiker, wieder oder neu einzusteigen, andere Musiker kennenzulernen und sich weiterzuentwickeln. Wir geben nach einem Opener die Bühne frei und daraus ergeben sich interessante Mischungen. Wir sind stilistisch nicht festgelegt. Früher war es immer eine bestimmte Band, die oft auch die Richtung vorgab; jetzt versuchen wir Leute zusammenzubringen, die mit Sven Grau und mir die Session eröffnen. Mich freut, dass in letzter Zeit mehr jüngere Leute kommen, die mitspielen wollen, auch das Publikum ist gemischt. Wir machen keine Veranstaltung für Insider, zu der sich niemand hin traut.

Die „Lange Jazznacht“ im Gleis 1, die während des alljährlichen Jazzfestes im Herbst stattfindet, erfreut sich bei Musikern und Publikum großer Beliebtheit. Wie gelingt es Dir, fast die gesamte Kasseler Jazzszene an diesem Abend zusammenzubringen?

Die „Lange Jazznacht“ ist tatsächlich eine Art Werkschau für hiesige Jazzmusiker geworden. Sie ist aus der manchmal sehr mühsamen Suche nach geeigneten Spielorten bzw. Auftrittsmöglichkeiten entstanden. In diesem Fall wurde die „Bye, bye Burma“ Party, mit der wir im Jahr 2000 das Ende des Kellerclubs Burma am Standort des heutigen Theaterstübchens feierten, zur Geburtsstunde der „Langen Jazznacht“. Das Konzept, viele verschiedene Bands in kurzen Sets nacheinander auftreten zu lassen, ging auf. So viele Leute waren noch nie da. Daraus entstand die Tradition, nach der Sommerpause eine Saisoneröffnungsparty im Schlachthof zu veranstalten, bis dieser irgendwann zu klein dafür war. Seitdem feiern wir im Gleis 1 und haben die Party in das alljährlich stattfindende Jazzfest integriert. Das ist eine gute Werbung für die Kasseler Jazzszene. Oft werden wir gefragt, ob die vielen tollen Bands wirklich alle aus Kassel kommen. Wir versuchen, den Musikern den Auftritt dort angenehm zu machen, betreuen und bewirten sie; sie haben Zeit, miteinander ins Gespräch zu kommen, was nach Auftritten sonst immer zu kurz kommt. Als Musiker und Veranstalter weiß ich, dass man zu Musikern gut sein muss, dann kommen sie auch wieder.

Was wünschst Du Dir als Vorsitzender des Jazzvereins für die nahe Zukunft?

Wir brauchen dringend Nachwuchs für die Fortsetzung der Vereinsarbeit. Ja, das kostet Zeit und Nerven, ist aber absolut notwendig. Musiker profitieren von den geschaffenen Strukturen. Wir akquirieren finanzielle Mittel, ohne die viele Angebote wegfallen müssten, wir brauchen die Werbung und verfügen über ein Netzwerk. Wir sind 2017 z.B. wieder Veranstalter für die Verleihung des Hessischen Jazzpreises. Ich hoffe, dass wir den erreichten Standard halten können. Das geht nur, wenn die Arbeit, die seit vielen Jahren von denselben Leuten gemacht wird, von jüngeren Musikern weitergeführt wird und neue Impulse gegeben werden, auch in ihrem eigenen Interesse. Die event- und egobezogene Musikszene wird auf Dauer allein nicht überleben.

Kurzbiografie

Rolf Denecke brachte sich als Schüler selbst E-Bass spielen bei, lernte später Kontrabass, studierte u.a. Musik in Kassel; Jazzmusiker in zahlreichen Ensembles unterschiedlicher Stilrichtungen, Theatermusiker mit regelmäßigen Engagements im Deutschen Theater in Göttingen, Auftritte im Staatstheater Kassel, Musikschullehrer.

Rolf Denecke ist Vorsitzender des Fördervereins Kasseler Jazzmusik, verantwortlich für die Jazzsession Schlachthof sowie die „Lange Jazznacht“ und ist an der Planung und Organisation des Jazzfestes beteiligt.

Foto: privat