Albrecht Schmücker

„Nichts ist intensiv genug, es sei denn vielleicht, es ist Jazz.“

Albrecht Schmücker ist in Kassel vor allem als Posaunist, Musikschullehrer und Leiter von Jazzbands bekannt. Er spielt in verschiedenen Ensembles vom Trio bis zur Bigband.

Als Musikschullehrer und Leiter von Jazzbands hast Du viel Erfahrung gesammelt. Wie schwierig ist es, Jazz zu lehren?

Tatsächlich stehen viele Musiker auf dem Standpunkt, dass man Jazz nicht lernen und deshalb natürlich auch nicht lehren kann: „Entweder man hat’s oder man hat's nicht“. Das ist natürlich Quatsch. Es gibt nicht die eine Sache, die man hat oder nicht hat, sondern es gibt mehrere fundamentale Aspekte wie Melodie, Harmonie, Rhythmus, Klang und Form, die jeweils mit bestimmten Begabungen korrespondieren und die sind lehr- bzw. trainierbar. Damit will ich nicht behaupten, dass jeder, der ein Instrument beherrscht, auch ein guter Jazzmusiker werden kann. Kreativität und Spontaneität, die im Jazz eine große Rolle spielen, kann man z.B. nicht direkt lehren.

Du hast viel Verständnis für Lernprozesse und viel Geduld für Deine Schüler bzw. Bands. Worauf achtest Du besonders?

Mein Anliegen ist es, in den Lern- und Übungssituationen Räume zu schaffen, in denen sich diese Kreativität und Spontaneität entwickeln können und eine Atmosphäre entsteht, in der man sich traut etwas zu spielen, was nicht „da steht“ und amtlich abgesegnet ist. Ganz wichtig ist die Beschäftigung mit den großen Jazzmusikern. Wir sind alle Zwerge auf den Schultern von Riesen. Hilfreich ist auch die Vermittlung von musikalischem Grundwissen; nichts ist so praktisch wie eine gute (Musik-)Theorie! Alles andere ist Probenarbeit wie in anderen Ensembles auch. Ich folge dabei dem Motto: Lehren, was lehrbar ist und alles andere zulassen.

Jazzbands finden sich zusammen und gehen wieder auseinander. Was ist das Geheimnis einer guten „working band“?

Nach meiner Erfahrung ist es wichtig, dass jeder Musiker das, was der andere macht, zu schätzen weiß. Man muss nicht unbedingt miteinander befreundet sein, obwohl das selbstverständlich nicht schadet. Man muss sich auch gegenseitig fordern und seine Komfortzone verlassen können. Gute Organisation und Disziplin bei den Proben sind nötig, um voran zu kommen. Und natürlich Gigs, Gigs und nochmal Gigs, fast wichtiger als Proben. Wenn die Band nicht auftritt, ist sie bald verschwunden.

In den Bands bist Du immer wieder als Arrangeur gefragt und hast auch selbst Stücke komponiert. Von welchen Ideen lässt Du Dich dabei leiten?

Es gibt immer einen Ausgangspunkt oder Ausgangsmaterial. Beim Arrangieren ist es das Stück, das schon existiert und im Regelfall als 'Leadsheet' vorliegt. Da hat man die Melodie und die Akkordstruktur, eventuell Angaben zum Metrum etc. Alles Weitere ist jetzt eine Folge von Problemlösungen. Wenn man dieses Stück etwa für eine 4-Bläser-Besetzung einrichten will, stellt sich als erstes die Frage, homophon oder heterophon oder gar polyphon. Ein 4-stimmiger Satz scheint einfach zu sein, wenn man auf gelernte Routinen zurückgreifen kann -das könnte auch ein Computer machen, wenn man ihn entsprechend programmiert-, aber auch da kommen gleich die nächsten Fragen: Wie deutlich soll die Melodie erhalten bleiben oder gibt es vielleicht störende Intervalle? Dann muss ich mich entscheiden, opfere ich einen Ton der Melodie oder ändere ich den Akkord?

Beim Komponieren ist diese fortgeschrittene Phase der Arbeit ähnlich, aber das Ausgangsmaterial ist natürlich wesentlich rudimentärer, es ist vielleicht nur ein Motiv, eine kurze Akkordfolge oder auch nur eine Stimmung. Die Entstehung meines Stücks „Bolero Sarajewo“ ist vielleicht ein gutes Beispiel. Ich hatte vor vielen Jahren auf einer Balkanreise in Sarajewo einen Popsong gehört, an dessen Melodie ich mich unter dem Eindruck des Bosnienkrieges wieder erinnerte. Ich mochte Sarajewo sehr und dachte mit großer Traurigkeit an diese belagerte und zerschossene Stadt. Als ich mich daransetzte, unter leichtem Zeitdruck dieses Lied auszuarbeiten, da ich für ein Konzert neue Stücke brauchte, nahm ich die Melodie, stellte sie in einen anderen harmonischen Zusammenhang, fügte Stimmen hinzu etc. und verarbeitete dabei natürlich auch meine Erinnerung und meine aktuelle Stimmung. Neben den vielen musikalischen Dingen flossen sehr verschiedene Themen wie Orient, Krieg, Sehnsucht, Trauer in die Komposition ein und das drückt sich in der Musik auch aus. Aber ich will das nicht mystifizieren, Komponieren ist auch und vor allem harte Arbeit und setzt musikalisches Handwerkszeug voraus.

Du spielst verschiedene Instrumente, Dein Hauptinstrument ist aber die Posaune. Wie kam sie zu Dir?

Das war einer der Zufälle, die meinem Leben eine Richtung gaben. Meine ersten Instrumente waren Flöte und Gitarre. Als ich in der Dixieland-Band meiner Schule in Bremen mitspielen wollte, hieß es: „Ja, dann musst Du Posaune spielen“. Mein Vater besaß zum Glück eine Posaune, da er vor vielen Jahren im Posaunenchor gespielt hatte, und auf dem Dachboden fand ich eine alte „Zimmermann“ Posaunenschule. Da

der von mir sehr geschätzte Jazzposaunist Günther Mehlich, ein Mitglied der damals ziemlich bekannten Band „Six Sounds“, keine Zeit für Einzelunterricht hatte, brachte ich mir das Spielen selber bei. Er hat mir allerdings immer wieder wertvolle Tipps gegeben. Später hatte ich das Glück, von einigen der besten Posaunisten zu lernen; das waren Hermann Breuer, Jon English, Ed Kröger und Bobby Burgess. Von Albert Mangelsdorff habe ich während meines Hamburger Studiums gelernt, wie man Jazzposaune üben kann. Meine größte Inspiration war aber immer J.J. Johnson.

Die autodidaktische Methode war offenbar sehr erfolgreich, denn Du hast die Aufnahmeprüfung für den Studiengang Popularmusik in Hamburg bestanden.

Ich habe immer Musik gemacht, aber es gab andere Schwerpunkte in meinem Leben. Ab Mitte der sechziger Jahre habe ich einige Jahre die Musik vernachlässigt. Es war die Zeit der gesellschaftlichen und politischen Umbrüche und ich war in der Studentenbewegung aktiv.

Die Musik kam aber wieder zu Dir?

Ja, und hier zitiere ich mal ein Lebensmotto, das von Nietzsche stammt: "Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum". Wieder kam ein Zufall zur Hilfe. Es wurde eine Posaune gebraucht, dieses Mal für eine neue Bigband in der Heidelberger Jazzszene, die ich durch eine Freundin kennenlernte. Von dort war es nicht mehr weit zur GHK-Bigband in Kassel, wo ich eine Stelle als Wissenschaftler am Design-Fachbereich der Uni bekam. Dort lernte ich viele Jazzmusiker, die heute noch die Szene prägen, kennen. Mit einigen von ihnen habe ich dann neben meiner beruflichen Tätigkeit das Studium in Hamburg absolviert oder in verschiedenen Ensembles zusammen gespielt, z.B. in der „Jazz oder Nie“ Bigband, mit der wir auch im Ausland aufgetreten sind. Darüber hinaus gab es viele kleine Ensembles, denen ich angehörte.

Jetzt ist es nicht mehr weit zum freiberuflichen Musiker - oder?

Tatsächlich war der Übergang zeitlich fließend. Während mein Job durch Streichung von Forschungsgeldern nicht mehr gesichert war, erhielt ich ein Angebot von der Musikschule Bad Karlshafen, wo ich anschließend zehn Jahre lang unterrichtete. Wieder ein Zufall in meinem Leben, der mir den Abschied von der Wissenschaft und dem akademischen Betrieb, zu dem ich zu dieser Zeit bereits ein gespaltenes Verhältnis hatte, ermöglichte. Danach folgten andere musikalische und pädagogische Herausforderungen. Der Übergang war nicht leicht, aber ich bin mit meinem Leben als Musiker und Musiklehrer im Reinen.

Neben Deinen Auftritten als Musiker, Deiner Tätigkeit als Musikschullehrer und Ensembleleiter bist Du auch Autor der Jazzpost, ein monatlicher Newsletter für Vereinsmitglieder, und veranstaltest Konzerte. Du widmest also nach wie vor einen großen Teil Deines Lebens dem Jazz.

Ja, das ist so, auch wenn mein Enthusiasmus für weite Touren nachgelassen hat. Aber wenn mich z.B. Sydney Ellis fragt, ob ich als einer von zwei Bläsern in ihrer Band mitspielen möchte, bin ich dabei und fahre auch in ihrem Minitourbus in die Schweiz. Da kann ich auf meine alten Tage noch einmal auf internationalen Festivals spielen. Das ist für mich nach wie vor etwas Besonderes. Was mich bewegt, sagt wohl Jean Cocteau am besten: „Nichts ist intensiv genug, es sei denn vielleicht, es ist Jazz.“

Kurzbiografie

Albrecht Schmücker spielt seit seinem 16. Lebensjahr Posaune, zunächst in einer Schulband in Bremen, während des Studiums (Soziologie, Philosophie, Psychologie) in einer Bigband in Heidelberg, danach als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Kassel (damals Gesamthochschule) in der GHK-Bigband und in der „Jazz oder Nie“ Bigband; studiert nach erfolgreicher Aufnahmeprüfung Popularmusik in Hamburg, lernt verschiedene andere Instrumente (Saxofon, Bass, Klavier), wechselt Ende der neunziger Jahre von der Wissenschaft zur freiberuflichen Tätigkeit als Musiker und Musikschullehrer, spielt in zahlreichen Bands vom Trio bis zur Bigband (Blue Heaven Jazzmen, Triazzo, Jazz4Four, George Nowak Quintett u.a.), betreut die MiK Jazzensembles seit vielen Jahren.

Albrecht Schmücker ist stellvertretender Vorsitzender des Fördervereins Kasseler Jazzmusik, Veranstalter des JazzClubs Schlachthof und Autor der Jazzpost.

Foto: Privat