Berthold Mayrhofer

„Improvisieren nach Notwendigkeit, nicht nach Fantasie“

Der Kontrabassist Berthold Mayrhofer spielt Jazz und Klassik und lässt auch mal nur seine Stimme sprechen.

Du bist in verschiedenen musikalischen Welten zuhause, gibst Instrumentalunterricht und leitest regelmäßig Workshops für den Jazzverein. Was können Workshopteilnehmer von Dir lernen?

Das kommt ganz darauf an. Der Jazz Workshop im Rahmen unseres alljährlichen Jazzfests hat den Charakter eines „Einprobenwochenendes“, weil wir am Ende des zweiten Tages etwas präsentieren müssen und daher keine Zeit haben, etwas auszuprobieren oder zu vertiefen. In diesem Jahr brachten die Teilnehmer im Alter zwischen 16 und 80 Jahren gute Voraussetzungen mit, die Gruppe fand schnell zusammen, die Zusammenarbeit mit Ulli Orth, dem zweiten Dozenten, lief sehr gut und das Ergebnis konnte sich hören lassen. Es kommt also immer darauf an, wer am Workshop teilnimmt und wie die Gruppe miteinander arbeitet. Dagegen ist der monatliche Workshop eher ein Trainingscamp, bei dem ich Basiskönnen, das im Musik- oder Instrumentalunterricht oft zu kurz kommt, vermittle, z.B. Atmung, Gehörbildung, Rhythmusgefühl, Körperspannung. Musik und Körper in Beziehung zu bringen, ist ein langwieriger Prozess. Daran arbeiten wir.

Ursprünglich war der monatliche Workshop ein Angebot des Jazzvereins zum Erlernen des Improvisierens. Was ist daraus geworden?

Improvisation ist ein weites Feld, ein offener Begriff, nicht unbedingt ein Jazz Solo. Ich spreche lieber von Spontaneität, die beides verbinden kann und diese Spontaneität kann man sich durch Aufbau von Selbstvertrauen, Mut, Risikobereitschaft und das Erdulden des Scheiterns erarbeiten. Auf diese Weise – das Üben des Instruments vorausgesetzt – lernt man die Sprache dieser Musik und kann sich immer öfter adäquat ausdrücken. Das Instrument ist dabei der Füllfederhalter, der das Ergebnis dieses Prozesses situativ abhängig zu Papier, d.h. in diesem Fall zu Gehör bringt. Ob man durch einen Workshop so weit kommt, ist möglich, aber man muss sich natürlich anstecken lassen.

Improvisieren ist für Dich also nicht gleichbedeutend mit dem „Warten auf den glücklichen Moment“, wie es oft umschrieben wird?

Lieber nicht! Für mich ist es eine Kombination aus der eben beschriebenen mentalen Einstellung plus Methode plus Umgang mit der Form, falls vorhanden. Es gibt auch Ideen, die man, auch im engeren Jazzrahmen, systematisch für eine Improvisation entwickeln kann; ich nenne diese Vorgehensweise mal eine „Und jetzt und dann Improvisation“, die mehr rhythmischer Natur ist und einer gesetzten Vorgehensweise folgen will. Mich interessiert dabei, wie man Motive oder Phrasen miteinander verketten kann, wobei die Reaktion auf das selbst Gespielte wichtiger ist als die Aktion. Die Entscheidung darüber, wie ich das spiele, etwa dynamisch, fällt möglichst spät, am besten zeitgleich.

Welchen Unterschied macht es, ob Du alleine oder mit anderen, mit Dir bekannten oder mit unbekannten Musikern improvisierst?

Diesen Unterschied gibt es im Kern nicht. Wenn man die Leute kennt, kann man besser antizipieren, was der oder die andere spielt. Die Frage ist selten, was ich will, sondern welche Quelle werde ich anzapfen und dabei ist manches möglich, ob ich alleine oder mit anderen spiele. Im Idealfall komme ich beim Spielen in einen anderen Wahrnehmungszustand, befinde mich im Flow und dann läuft es gut. Es gibt ja diverse Improvisationskonzepte, eines könnte auch überspitzt heißen „Improvisieren nach Notwendigkeit, nicht nach Fantasie“. Empfundene Folgerichtigkeit hilft mir, Beliebigkeit besser zu vermeiden. Wenn ich mit anderen spiele, darf es aber auch oft bedeuten: Ich schließe mich eurem Spielgefühl an, so gut es geht und was immer es ist.

Wie kann man improvisieren üben?

Im Vergleich zu einer narrativen Improvisation, die ich ja auch mag – sie ist entspannter, freier – folge ich beim Üben keinem rhetorischen Verlauf, will auch nichts Bestimmtes erzählen, sondern suche nach motivischen Entwicklungen und das kann man gut zuhause üben. Ziel ist da letztlich, sich in eine Art Aktivtrance zu versetzen, gewissermaßen in eine Endlosspirale, in der sich Motive immer wieder begegnen und dabei befindet man sich ein Stück über dem Boden und das passiert, ohne dass man etwas eingenommen hat! Wenn jemandem das gelingt, darf er es einfach Groove nennen.

Ist der Kontrabass ein Instrument, das sich dafür besonders gut eignet?

Alle eignen sich gut! Am Kontrabass gefällt mir der Schalldruck der Töne und die Form des Instruments. Die Geschichte, dass ich mich als Schüler am Friedrichsgymnasium spontan in dieses Instrument verliebt habe, stimmt tatsächlich. Ich habe aber zuerst E-Bass gelernt, weil in meiner Schülerband einer gebraucht wurde, und erst später Kontrabass. Ich hatte vor einiger Zeit sogar eine Kontrabass-Krise, übte nebenbei viel Saxofon. Zum Saxofon kann ich sagen: „Ich weiß, wie es gehen kann, aber ich kann es nicht“. Das gilt auch für einige andere Instrumente. Die Wahrheit ist: Ich bin Instrumentalist, weil ich kein Sänger geworden bin! Ich hatte 1980 einige Songs geschrieben, selbst vertont und schnell gemeint, das wird nichts. Ich wollte Stevie Wonder, und zwar sofort! Sagen wir es mal so, der Kontrabass kommt dem, was ich am liebsten neben der Stimme gemacht hätte, am nächsten.

Deine Stimme ist sehr ausdrucksstark und Du trittst gelegentlich auch als Rezitator, vor kurzem auch als Schauspieler auf. Singst Du innerlich beim Spielen mit?

Nicht wirklich, ich atme innerlich mit. Ich gebe auch beim Sprechen viel Luft, vielleicht zu viel, aber ich habe schon als Kind erfahren, wie viel man bei sich selbst durch einen angenehmen Stimmklang erreichen kann. Das war mein autopsychologisches System und das hilft mir bis heute, auch fürs Spielen.

Du hast klassische Musik studiert, bist aber hauptsächlich als Jazzmusiker bekannt. Wie vertragen sich die beiden?

Ich wurde als Orchestermusiker ausgebildet, Jazz habe ich mir selber beigebracht. Entweder spiele ich Klassik oder Jazz, das sind zwei verschiedene Sprachen, die ich nicht miteinander vermische. Jazz war lange Zeit Teil einer Protestkultur, damit konnte man sich gegen Erwachsene behaupten. Da war eine große Energie und Motivation. Heute ist Jazz toll. Jugendliche, die Jazz spielen, werden gefördert. Es läuft über Zucker. Ich hoffe, das erschöpft sich nicht in mäßigen Ergebnissen.

Kurzbiografie

Berthold Mayrhofer absolvierte an der Musikakademie in Kassel den klassischen Studiengang Orchestermusik mit Hauptfach Kontrabass und Nebenfach Klavier, gibt Instrumentalunterricht am Kontrabass, spielt mit verschiedenen Musikern in immer neuen Kontexten Konzerte in den Bereichen Klassik und Jazz; Rezitator bei Lesungen und zuletzt ein Auftritt als Schauspieler und Saxofonist beim AktionsTheaterKassel.

Berthold Mayrhofer leitet die Workshops des Fördervereins Kasseler Jazzmusik.

Foto: Anja Köhne