Matthias Schubert

„Es geht um den Moment, in dem ich etwas spiele.“

Sein Saxofonspiel ist mitreißend, er gehört zu den besten Jazzmusikern Europas, seine Diskografie als Musiker und Komponist umfasst mehr als siebzig Einspielungen. Von Starallüren keine Spur.

Du bist vor kurzem mit dem Ensemble Incantare Hip Jazz aufgetreten. Angekündigt waren Stücke quer durch die Musikgeschichte, gespielt wurde nichts, was man vorher schon einmal gehört hatte.

Das Angebot war ein Gemischtwarenladen; Detlef Landeck und ich haben es aus ganz verschiedenen Musikstilen und Aufführungstraditionen zusammengestellt und mit Joe Bonica und Jacob Kühnemann chamäleonartig präsentiert. Wir wollten uns und das Publikum ein bisschen herausfordern.

Das ist euch gelungen, der Funke sprang über, die Zuhörer hatten viel Spaß mit euren musikalischen Eskapaden im perfekten, wundersamen Zusammenspiel.

Es war Absicht, z.B. barocke Musik und traditionelle Aufführungsmethoden ein wenig zu verhohnepipeln bzw. auf Jazz übertragen. Aber wir nehmen uns selbst dabei nicht so ernst und das gefiel dem Publikum. Mir gefiel das Chaos, das wir zum Schluss auf der Bühne hinterlassen hatten.

Du bewegst Dich musikalisch zwischen Jazz, Neuer Musik, Improvisation und Komposition, wobei die Grenzen fließend sind und die Quelle unerschöpflich zu sein scheint.

Diese Quelle ist nicht unerschöpflich, man empfindet nur das, was entsteht, als etwas Neues. Es geht um den Moment, in dem ich etwas spiele, etwas, das ich vorher nicht denken kann und wenn es gelingt, habe ich das höchste Ziel erreicht. Ich glaube, wenn jemand sagen würde: „Das klingt wie Matthias Schubert“, würde ich es als kritische Bemerkung auffassen. Es ist eher die Art und Weise, wie ich Musik auffasse, die typisch für mich ist; ich arbeite mit immer neuen Methoden.

Dennoch musst Du über ein großes Potential an Möglichkeiten verfügen.

Ich übe sehr viel, ich setze Dinge zusammen, versuche, eine möglichst große Flexibilität zu erreichen und ich forsche nach neuen Möglichkeiten, Töne, Geräusche und Klangeffekte in einen musikalischen Kontext zu bringen.

Die frei improvisierte Musik spielt in Deiner musikalischen Praxis eine große Rolle. Du warst bei der von Martin Speicher vom Verein Ohrenkratzer im Documenta-Jahr veranstalteten Konzertreihe „Dock Your Mind“ dabei. Wie entsteht Musik ohne vorherige Proben oder Absprachen mit Musikern, die man nicht kennt?

Ein solches Konzert ist immer ein Ereignis, das gestaltet werden will. Der Unterschied, ob es Musiker sind, die man kennt oder Musiker, die man nicht kennt, ist nicht so groß wie man vielleicht denkt. Ich vergleiche die Ausgangssituation gerne mit einem Gespräch: Es gibt einen ersten Moment, man reagiert aufeinander, es gibt schnelle Reaktionen, Pausen, Phasen von Aktionismus und Langeweile und letzteres meine ich im besten Wortsinn. Strukturiert sich die Musik, ist sie ein strukturloses Gebilde und wie findet man ein Ende? Das bleibt bis zum Schluss offen. Ich habe keine vorbereitete Strategie beim Spielen, aber es gibt doch eine Art von Verhaltenskodex, wenn man auf ein Klangereignis reagiert. Dabei ist es sicher ein Unterschied, ob ich mit einem mir unbekannten Musiker oder mit unserem Trio Lurk Lab spiele. Oh, ich fürchte, man entwickelt doch eine Strategie…..

Die Zuhörer werden in einem solchen Konzert Zeugen eines nicht wiederholbaren Ereignisses. Können sie auf den Verlauf Einfluss nehmen?

Ohne Publikum fehlt Energie und das fühlt man. Wenn wir in Eugen Wolfs Atelier, einem der Spielorte für frei improvisierte Musik in Kassel, spielen, wissen wir die Zuhörer auf unserer Seite und dann ist es immer gut.

Bei einem besonderen Konzert im tif, der kleinen Bühne des Staatstheaters Kassel, hast Du Dich vor dem zweiten Set bei den Zuhörern dafür bedankt, dass sie geblieben sind. Außer Dir spielten Detlef Landeck, Berthold Mayrhofer, Ursel Schlicht und Martin Speicher, d.h. Kasseler Musiker, die in dieser Besetzung nur selten zu hören sind. Da wussten die Zuhörer, warum sie gekommen waren und sind geblieben. Wie sehen ablehnende Reaktionen aus?

Das ist sehr unterschiedlich. Wenn Leute sich nicht angesprochen fühlen oder nicht offen sind, verschwinden sie meist in der Pause; das passiert oft. Es geht aber auch anders. Als wir einmal auf einem Marktplatz in Italien spielten, merkten wir, wie die Omis in der ersten Reihe, die sicher auf ganz andere Musik eingestellt waren, sich von unserer Musik zunehmend angesprochen fühlten; sie gingen richtig mit. In München sind wir hingegen, kurz nachdem wir angefangen hatten zu spielen, beinahe tätlich angegriffen worden und das bei einem Jazzfest, dessen Konzept es war, Avantgarde-Jazz in Dixieland-Lokalen und Dixieland-Bands in Lokalen, die eher für modernen Jazz bekannt waren, spielen zu lassen. Wir wurden nach zwanzig Minuten rausgeschmissen. Unsere Musik ist ein Abenteuer, kein Affront, höchstens ein Affront an die Erwartungshaltung der Besucher von Jazzkonzerten.

Es ist wirklich ein Abenteuer, Dir und Carl Ludwig Hübsch auf der Bühne beim Hummelfang mit Tenorsaxofon und Tuba zuzuschauen.

Das ist ein Versuch, der Musik eine optische Dimension zu geben. Wenn man nicht hinschaut, geht die Musik trotzdem weiter.

Du gehst auch als Komponist neue Wege zwischen Jazz, Neuer Musik und Improvisation. 2003 hast Du mit Carl Ludwig Hübsch, Frank Gratkowski und Norbert Stein das James Choice Orchestra gegründet, um Kompositionen für ein größeres Ensemble aufzuführen.

Wir waren nicht die ersten. In Amsterdam wurde schon Ende der sechziger Jahre das Instant Composers Pool Orchestra, das Improvisation und Komposition als Einheit versteht, gegründet. Wir verfolgen diesen Ansatz weiter, indem wir Material zur Verfügung stellen, woraus die Musiker etwas auswählen, das sie in einer bestimmten Phase spielen wollen. Im Multiple Joy(ce) Orchester, wie es inzwischen heißt, ist die Musik für 12 bis 25 Musiker notiert, hat aber auch einen hohen Improvisationsanteil oder die Musiker bekommen eine Aufgabe, die sie improvisatorisch erledigen sollen. In diesem Ensemble hat jeder Interpret große Freiheit und gestalterische Verantwortung für den Verlauf der Musik.

Als Tenorsaxofonist hast Du mit anderen ausgezeichneten Musikern sehr viele Konzerte in vielen verschiedenen Ländern auf der ganzen Welt gespielt, hast in großen Städten gelebt. Wie ist es, wieder in Kassel zu sein?

Mir gefällt die Buntheit der Musikszene, die den Jazz in seiner ganzen Bandbreite umfasst, es gibt viele Konzerte, Jazzfeste im Frühjahr und im Herbst, das Kulturzelt, den Verein Ohrenkratzer für improvisierte Musik, die Komponisteninitiative Kassel. Ich schätze die zentrale Lage, kann hier in Ruhe arbeiten. Ich schätze die Kollegen, mit denen ich hier spielen kann, sehr. Meine Netzwerke habe ich nach wie vor in Köln und Berlin, wo es einfacher war, sich mal kurz zu verabreden, Anregungen beim gemeinsamen Spielen zu bekommen, das vermisse ich schon.

Seit Du wieder hier bist, konnten wir Dich bei vielen außergewöhnlichen Konzerten im schon erwähnten tif und im Atelier Wolf, im Schlachthof, im Kulturbunker, im Dock 4, im Theaterstübchen und im Café Bahnhof Fürstenwald sowie als Workshop-Dozent für den Jazzverein erleben. An welchem Ort in Kassel würdest Du gerne einmal spielen?

Oben am Herkules gibt es einen Pavillon…..

Meinst Du das neue Besucherzentrum?

….ja, dieses Gebäude würde ich gerne einmal bespielen und mit diesen vielen Baukränen an den Kaskaden könnte man etwas inszenieren. Schön ist auch das Amphitheater mit der kleinen Seebühne im Park Schönfeld. Aber demnächst spiele ich erst mal wieder im Dock 4.

Matthias, wir schätzen uns glücklich, Dich wieder in unserer Nähe zu haben.

Kurzbiografie

Matthias Schubert stammt aus Kassel, spielte als Jugendlicher Oboe, trat Anfang der siebziger Jahre mit dem Kasseler Kurorchester auf, studierte zwei Jahre an der Swiss Jazz School in Bern, spielte u.a. im Albert Mangelsdorff Quintett und mit Gunter Hampel in der Galaxy Dream Band, gründete das Matthias Schubert Quartett und das James Choice Orchestra – jetzt das Multiple Joy(ce) Orchestra –, tourte durch Europa, spielte auf Festivals in der ganzen Welt; ist seit 2001 Dozent an der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover und unterrichtete an der Partnerhochschule am Tianjin Conservatory of Music China; erhielt als Tenorsaxofonist und Komponist mehrere Auszeichnungen, darunter 2018 den hessischen Jazzpreis; spielte bisher über 70 CDs ein; seit einiger Zeit lebt er wieder in Kassel.

Mehr unter jazzpages.com/MatthiasSchubert sowie Eintragungen unter Multiple Joy(ce) Orchestra

Foto: Lothar Fietzek