33. Jazzfest Kassel Rezensionen

Hier ein Eindruck zu unserer Veranstaltung im Schauspielhaus des Staatstheaters am Freitag, den 14.11.2025:

Ein Jeder feiert sein Weltall – Markus Stockhausens brillante Rückkehr ins Schauspielhaus

Ein Jeder feiert sein Weltall – Markus Stockhausens brillante Rückkehr ins Schauspielhaus 2025 findet, was sonst der "Abschlussabend" im Schauspielhaus wäre, ausnahmsweise inmitten des Jazzfests statt. Markus Stockhausen beehrte die Kasseler Jazzszene zuletzt 2020 im Zeichen von Corona. Beim diesjährigen Auftritt präsentierte er seine aktuelle CD "Celebration".

Die Markus Stockhausen Group sorgte mit ihren Klanggemälden für gespannte und konzentrierte Ohren. Piano und Violoncello (Jeroen van Vliet, Levan Andria) schaffen einen atmosphärischen Jazz-Strand, an dem Stockhausen am Flügelhorn wellenhaft ertönt und über den die Perkussion von Christian Thomé weht und glitzert. Mit Featuregast Nguyên Lé  an der Gitarre ist Stockhausen seit den 90er Jahren musikalisch verwoben. Bei der Begegnung entsteht eine tonale Sprache, die gleichzeitig tief schürft und eine dringend benötigte Friedenstaube aus Soli und Widerhalleffekten anruft. Ein Stück ist ummantelt in ein avantgardistisches Kammerspiel, bei dem Piano und Cello irrlichtartig herumflirren. Diese Irrlichter bringen erstaunliche Nähen von Neuer Klassik und Folklore hervor. Noch abstrakter geht es, wenn die Band die Schwebebahn erfindet, um die definitionslosen Phänomene und endlosen Teppiche anderer Galaxien zu vertonen. Apropos endlose Weiten: In einer dystopisch angehauchten Anekdote aus Wien erfahren die Zuhörer von Markus Stockhausen, dass Tesla zumindest auf den Bordbildschirmen seines Taxipools einen eigenen Orbit errichtet habe.

Standing Ovations des Publikums im gut besuchten Haus, eine Zugabe, zwei Vorhänge.

Text und Fotos ©Christian Mißler

Mit einem bunten Knall – Die Lange Jazznacht beendet das 33. Jazzfest 2025

Der 21. November bildete den Abschluss des Jazzfests und den alljährlichen Höhepunkt, wenn sich das Gleis 1 am Hauptbahnhof für einen Abend anlässlich der Langen Jazznacht in einen Jazzclub verwandelt. Bereits vor dem Start um 20 Uhr sicherten sich fast 100 Gäste ihren Platz, circa 180 unterstützen die Szene über die knapp fünf Stunden mit 15 Band- Formationen.

Oberbürgermeister Schöller lobte die große Leistung des Jazzvereins, nicht zuletzt in der Nachwuchsarbeit. Der Vereinsvorsitzende Rolf Denecke bedankte sich bei den Mitgliedern, der Stadt Kassel und dem Land Hessen für die Treue und Unterstützung. Er betonte die unverkennbare regionale Vielfalt, die nicht nur vom Göttinger Pianist Julius Haupt (19 Jahre) bis zu Klaus Wenderoth (86 Jahre) in der Altersreichweite repräsentiert wurde, sondern neben Göttingen auch noch internationale Gäste begrüßen durfte. Der Niederländer Job Verweijen war schon Drummer für Post-Punk Lyrikerin Anne Clark. Klaus Wenderoth prägt den Jazzverein seit seinen Anfängen und zählt zu seinen zahlreichen Kollaborateuren Vereinsmitgründer Henner Urff.

Stephanie Willeke und ihre Ella Fitzgerald Tribute Band tauchten das "Gleis" in die klassische Jazzclub-Atmosphäre. Georg Sirrenberg schien mit einer Art Seemannsgesang seinen inneren Käpt’n Blaubar zu entfesseln, zum Saxofon von Monika Molinski und Klaus Wenderoths wunderbaren Wellengängen am Flügel.

Wer im Schlachthof am Vortag nicht dem Ulli Orth Quintett beigewohnt hat, durfte dessen immense Qualität allein schon im kompakten 15 Minuten – Set bewundern. Die Musiker entfesselten nicht erst langsam ihre spektakulären Temposprünge wie im Vollkonzert, sondern konzentrierten sich sogleich auf die turbulenten Akzente zwischen Leiter Orth und Michael Müller am Piano. Rolf Denecke am Bass und Tobi Schulte an den Drums stellen das versierte Fundament für die passionierten Panoramen von Müller und Trompeter Lars Däubler.

Ruhigere Töne vergönnten die harmonischen Interaktionen von Violinistin Susanne Herrmann und Berthold Mayrhofer am Kontrabass, einfühlsam ausgestaltet durch Hermann Beuchert an der klassischen Gitarre. Susanne Herrmanns Gesang überraschte und entspannte durch flüsternde Einlagen. Auch ein wenig rhythmisch wurde es, ohne jedoch aus dieser sehr zum Vor-Quintett konträren Stimmung herauszulassen. Zurück in den klassischen Jazzclub führte die "kleinste Bigband", die Blue Heaven Jazzband um Posaunist Albrecht Schmücker. Diese Viertelstunde ließ den Swing Einzug halten und brachte ihn mit schillernden Pianomomenten zum Glitzern. Wo Groove ist, kann man davon ausgehen, dass Stephanie Willecke die Vocals dazu beiträgt. Lounge-Eingängigkeit breitete sich aus im Saal bei BeJazzed. Hier wird Willecke durch den talentierten Pianist Hannes Hirth begleitet, der schon mit eigenem Trio die Jazznacht bespielte und mit der Familienband "Zinken einer Gabel" für Freunde des Progressive Rock eine Empfehlung wert ist. Wilde Akzente setzten Julius Haupt und Schlagzeuger Matthias Hauptmann mit Kasseler Unterstützung durch Berthold Mayrhofer. Das Trio schoss das Werk von Thelonious Monk mit vibrantem, eingängigem Treibstoff in die Stratosphäre des Kick Jazz, den man eigentlich von Joern and the Michaels kennt. Haupt und Hartmann interpretieren selbst Ruhen mit einer Energie, die den Begriff der „Power Ballade“ wörtlich nimmt und seiner würdig ist.

Sounds of Change featured Theaterstübchen-Soundzauberer Rolf Dressler am Piano und Detlef Landeck an der Posaune. Über ebenso feine wie fordernde Klanggewebe legen sich sphärische Bläser und Vocalistin Sabine Roppel sorgt in ihren Improvisationen für die innovativsten Vocals des Abends. Die Schwerpunkte des Lukas Pfeil Quartetts lauten "Saxofon" und "Coolness" mit hüpfender Rhythmussektion und glanzvollem Solo am Flügel. Valentina Krempatic war als sympathische und starke Soulstimme zu Gast. Gibt es auch am 23.4.26 im Theaterstübchen zu hören.

Was Lars Gehrmann als Vorfinale für Magie vollbrachte, war vielleicht so noch nie in der Kasseler Jazzszene zu vernehmen. Der Pianist griff zu seinem Zweitinstrument, dem Akkordeon, und kreierte mit brasilianischer Unterstützung an Gitarre und Drum unter dem Namen Especialistas karibische und nautische Meisterstücke von enormem Soundtrack- Potential. Wohl die außergewöhnlichsten Klänge der Jazznacht; ein Geheimtip, der unbedingt abendfüllende Konzerte dieser Art hervorbringen sollte. Wie kann man in Kassels buntem Jazzpanorama abschließen, wenn seine Grenzen längst hinter sich gelassen wurden? Dafür bietet sich wahrlich nur die brillante Charango-Morgenröte des Argentiniers Diego Jascalevich an, die flirrend und begleitet von Drum-Brisen bereits dazu aufruft, direkt in die nächste lange Musiknacht zu starten.

©Christian Mißler