Bernhard Schüler

„Man muss für diese Musik brennen.“

Für den international erfolgreichen Jazzpianisten und Komponisten Bernhard Schüler ist ein Auftritt in seiner Heimatstadt Kassel immer etwas Besonderes.

Auf Einladung der Grimmwelt hast Du in diesem Sommer mit Deiner Band triosence auf dem Dach des Museums ein Konzert gegeben. Wie war der Abend für Dich?

Aufregend! Anstrengend! Damit meine ich zunächst einmal die umfangreichen Vorbereitungen. Wir kamen nicht in einen Konzertsaal, sondern in ein Museum, und wir waren nicht sicher, ob das Wetter mitspielt. Allen, die zum Gelingen der Veranstaltung beigetragen haben, möchte ich daher ausdrücklich danken, insbesondere der Kulturdezernentin Susanne Völker für ihr Engagement, Frank Eichler für seine Risikobereitschaft, einen Flügel auf das Dach der Grimmwelt zu stellen, und Rolf Dressler für den ausgezeichneten Sound trotz schwieriger äußerer Bedingungen.

Legte sich die Aufregung, nachdem ihr angefangen hattet zu spielen?

Naja, wenn wir in Kassel auftreten, läuft bei mir im Kopf immer ein krasser Film und ich bin meistens aufgeregter als sonst. Außerdem haben wir an diesem Abend viele ganz neue Stücke gespielt, das macht das Ganze zusätzlich spannend. Und dann sitzen im Publikum viele Leute, die mich und die Band sehr gut kennen, u.a. meine Eltern, die eher kritisch sind und von denen übrigens auch die Idee für dieses Konzert kam. Es ist also immer etwas Besonderes in Kassel zu spielen, aber der Abend war für mich zweifellos ein absolutes Highlight.

Bei diesem Konzert saß Tobias Schulte aus Kassel zum ersten Mal am Schlagzeug.

Tobias übernimmt vorübergehend Stephan Emigs Position in der Band. Stefan nimmt nach fast zwanzig Jahren eine kleine Auszeit, wird aber bei der nächsten Tour auch wieder dabei sein. Wir haben mit Tobias sehr intensiv geprobt und er wird Anfang 2019 die nächste CD mit uns in Italien einspielen.

Während des Konzerts hast Du mit sichtlichem Vergnügen seine Soloeinlagen mit sehr variablen Perkussionselementen verfolgt und euer Zusammenspiel war perfekt.

Tobias passt ausgezeichnet in das Trio. Er ist ein vielseitiger und eigenständiger Musiker, der Freiräume selbst gestalten kann und neue Ideen einbringt. Das entspricht dem Stil und der Arbeitsweise der Band, auch wenn ich die Stücke komponiere und arrangiere.

Für Eure Musik hast Du den Begriff ‚Songjazz‘ geprägt, d.h. es gibt klar erkennbare „singbare“ Melodien, die eben auch einem Song zugrunde liegen könnten. Hinzu kommen Variationen durch harmonische und rhythmische Elemente sowie Soloteile mit Raum für Improvisationen.

Unsere Stücke mögen einfach klingen, bei genauerem Hören entdeckt man oft sehr komplexe Strukturen und immer wieder neue Gestaltungselemente. Das wird auf unserer nächsten CD, an der wir gerade arbeiten, denke ich, auch wieder deutlich werden. Als Komponist möchte man die Musik stets ein Stück weit neu erfinden und sich nicht wiederholen. Dazu bedarf es stets neuer Inspiration und man muss offenbleiben. Ich habe keine Hemmungen, mich von den unterschiedlichsten Musikrichtungen oder Stilistiken anregen zu lassen und dann frei damit umzugehen; es darf dann auch mal „falsch“ klingen, wenn es in einem neuen Kontext geschieht. Ich kenne diese kontroversen Diskussionen, bin aber der Meinung, dass Stilistiken, gerade wenn man sie mit eigenen Ideen mischt, nicht authentisch wiedergegeben werden müssen, sonst würde nichts Neues entstehen.

Melodien, an die man sich erinnern kann und ein unverwechselbarer Sound finden viel Anklang beim Publikum und provozieren die Kritiker.

Dazu kann ich von einer kleinen Begebenheit berichten: Als wir den Soundcheck für das Dachkonzert machten, kam spontan eine Frau auf uns zu und fragte, wie man die Musik nennt, die wir da machen. Auf unsere Antwort meinte sie: „Was – das ist Jazz? Ich mag eigentlichen keinen Jazz, aber das gefällt mir!“ Man kann Leute für Jazz begeistern, aber nicht, wenn die Musik zu verkopft ist und man den Kompositionen sofort ihre Kompliziertheit anhört bzw. eben nur das hört. Jazz hat viel Innovationspotenzial, regt zu Grenzüberschreitungen an, das muss sein, aber wenn es nur neu und kompliziert ist, finde ich es elitär und einseitig. Meine Musik ist eher gefühlsbetont, intuitiv und zum Genießen – schöne Musik mit Tiefe und Substanz, das ist mein Credo.

Bei Konzertmoderationen, die Du in Anekdoten verpackt mit feiner Ironie vorträgst, machst Du keinen Hehl daraus, dass Deine Kompositionen aus intensiven Gefühlsregungen entstehen, darunter auch Kummer, Schmerz und Leid. Gibst Du damit nicht zu viel von Dir preis?

Nein, das glaube ich nicht. Ich möchte authentisch sein und offen und ehrlich gegenüber dem Publikum. Früher oder später merken die Leute, wenn man sich verstellt. Authentizität ist, meiner Meinung nach, der Schlüssel zum Erfolg. Das ist in der Musik nicht anders als im normalen Leben.

Du hast als Sechsjähriger mit Klavierspielen begonnen, mit fünfzehn Jahren Deine ersten Kompositionen vorgelegt, im Landesjugendjazzorchester gespielt und Preise gewonnen. Das hört sich nach einem perfekten Start für eine Pianistenkarriere an.

Das war nicht so klar. Bis zu meinem 16. Lebensjahr war Musik für mich eher Nebensache, ich habe lieber Sport getrieben, war ein begeisterter Leichtathlet. Ich hatte aber Glück mit meinem ersten Klavierlehrer Rainer Ginster an der Musikschule Söhre-Kaufunger Wald, ein Allroundpianist, der mir von Anfang an sehr viel Freiheit gab, mich Klassisches und Populäres ausprobieren ließ. Ich spielte einige Zeit Saxofon, wurde von Christian Weidner in Kassel unterrichtet, was mich als Teenager ungemein inspiriert hat und nahm während des Abiturs Jazzunterricht bei Christoph Busse in Göttingen, um mich auf das Musikstudium vorzubereiten. Danach führte mein Weg zielstrebig an die Musikhochschule nach Köln zu Hubert Nuss, für mich ein weiterer Glücksfall. Auch er war sehr offen und hat mich darin unterstützt, meine eigene Sprache als Musiker zu finden und weiterzuentwickeln, ohne mir dabei seinen Stempel aufzudrücken. Er war übrigens noch viele Jahre nach meinem Studium mein Mentor und hat die meisten triosence Produktionen betreut.

triosence feiert 2019 20jähriges Jubiläum. Bisher habt ihr sechs Studio-Alben und eine Live-CD aufgenommen, viele Preise bekommen, es gab ein großes Porträt im ‚stern‘, eine Cover Story im Jazzmagazin ‚Jazzpodium‘, Lobeshymnen in der Presse und 2018 die Nominierung für den Echo Jazz. Wie steinig war der Weg?

Es hat sogar 25 Jahre gedauert, wenn ich von der Gründung meiner Band BASAR ausgehe. Das war die erste Band, für die ich komponiert habe; wir spielten damals unsere ersten Gigs im ‚Burma‘, dem heutigen Theaterstübchen. Es war ein langwieriger Prozess mit vielen Höhen und Tiefen und es hat sehr lange gedauert, um so weit zu kommen und von der Musik leben zu können. Ohne Unterstützung wäre es nicht möglich gewesen, und die brauche ich für aufwändige Produktionen immer noch. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist die Würdigung meiner Arbeit in der Fachwelt. Sei es die Jazzszene in Köln, wo ich über zehn Jahre gelebt habe, oder der Mikrokosmos der Jazzredakteure. Trotz der Erfolge von triosence war es immer sehr schwierig, dort Anerkennung zu finden. Deswegen war die Echo Nominierung 2018 für mich sehr wichtig; sie zeigt, dass man in der Liga angekommen ist.

Welchen Preis zahlt man für den Erfolg?

Der Preis ist schon hoch. Man muss extrem ausdauernd und diszipliniert sein und sich von Rückschlägen nicht entmutigen lassen. Man muss für diese Musik brennen, sonst bringt es nichts, diesen Weg zu gehen.

Die achte CD des Trios ist in Vorbereitung und 2019 wird es eine Jubiläumstournee geben. Gibt es weitere Zukunftspläne?

Wir können uns gut vorstellen, das Trio demnächst um einen oder mehrere Gäste zu erweitern, vielleicht mal Bläser dazu zu nehmen oder einen Gitarristen. Mein Traum wäre es, mit einem großen Orchester zusammenzuarbeiten.

Vielleicht geht dieser Traum irgendwann einmal in Kassel in Erfüllung. Wir wünschen es Dir!

Das nächste Konzert von triosence findet im Rahmen des Kasseler Jazzfestes am 13. November 2018 im Theaterstübchen statt.

Kurzbiografie

Bernhard Schüler spielt seit seinem sechsten Lebensjahr Klavier, lernte später Klarinette und Saxofon, gründete mit 16 Jahren seine erste Band BASAR und komponierte dafür eigene Stücke, spielte im Landesjugendjazzorchester, wurde mehrmals Landes- und Bundessieger als Solist und mit seiner Band, studierte Jazzklavier an der Musikhochschule Köln und absolvierte diese mit Diplom und Konzertexamen; mit seiner 1999 gegründeten Band triosence gibt er im In- und Ausland Konzerte, u. a. in Japan, USA, Brasilien, Taiwan; seit 2017 lebt er wieder in Kassel.

Mehr unter www.triosence.com

Foto: privat