Heiko Eulen

„Musik ist um uns herum vorhanden, wir müssen sie nur ergreifen.“

Ob mit Kontrabass, E-Bass, akustischem Bass oder Gitarre – Heiko Eulen kann nicht nur andere zum Klingen bringen, er lässt den Bass zu uns sprechen und spielt hinreißende Grooves. Er komponiert, gibt Unterricht, schreibt Gedichte und Konzertkritiken.

„Sounds from Wood“ heißt ein Programm, das Du demnächst im Theaterstübchen im Duo mit Rui Reis auf die Bühne bringst. Was verbirgt sich hinter diesem Titel?

Das ist eine Herzensangelegenheit, nachdem ich zehn Jahre lang hauptsächlich Jazz gespielt habe. Ich finde hier den Sound meiner Kindheit wieder, als ich einer Gitarre die ersten Klänge entlockte. Mit seinem hölzernen Korpus bringt der akustische Bass mir diesen Sound zurück. „Sounds from Wood“ war ursprünglich ein Soloprogramm; zu zweit ist es aber viel schöner. Wir können kommunizieren, uns gegenseitig einen Teppich geben und beim Auftritt ist man sich selbst nicht so ausgeliefert.

Ihr spielt seit zwei Jahren zusammen. Wie bereitet Ihr Eure Auftritte vor?

Unsere Zusammenarbeit lief von Anfang an gut. Wir haben uns in der „Wunderbar“, die es leider nicht mehr gibt, kennengelernt; Rui trat mit Diego Jascalevich und einem weiteren Brasilianer am Valentinstag auf. Wir kamen ins Gespräch, trafen uns und wurden ein Duo. Seitdem schreiben wir uns regelmäßig zum Valentinstag. Unsere Musik entsteht während der Proben - ganz im Gegensatz zum Jazz, wo man seine Hausaufgaben zuhause machen muss – und sogar bei unseren Auftritten entscheiden wir vieles spontan. Wir haben ungefähr 25 Stücke, darunter Eigenkompositionen und Standards, aber auch immer etwas Neues. Rui kann mit der Cajón und dem Pandeiro unglaublich viele Sounds und Rhythmen spielen und ihm fällt zu meinen Stücken immer etwas Tolles ein.

Außer einem Effektgerät für den Bass benutzt Du beim Spielen auch einen Looper.

Der Looper gibt mir vor allem Freiheit. Auf einer soliden rhythmischen, harmonischen und melodischen Basis kann ich mir vieles herausnehmen, ohne dass das Stück auseinanderfällt. Meine Loops sind allerdings nicht vorproduziert, sondern entstehen live, was ein gewisses Risiko mit sich bringt. Da tritt man mit dem Fuß auch schon mal daneben. Ich kann maximal fünf Minuten aufnehmen und das mit so viel Tracks, bis der Speicher voll ist. Das reicht an Gestaltungsraum. Beim Bass nutze ich gerne alle Effekte, die der menschlichen Stimme nahekommen, das geschieht sowieso durch die Finger und das Bending, aber mit Phaser, Wah-Wah und Verzerrer habe ich viel mehr Möglichkeiten.

Du komponierst nicht nur Stücke für das Duo, sondern auch für Bands wie z. B. Groove Juice oder FN22, mit denen Du regelmäßig auftrittst. Woher kommen die Ideen für Kompositionen?

Ach, eine Idee zu haben ist nicht schwierig. Musik ist um uns herum vorhanden, wir müssen sie nur ergreifen, uns versenken, einen Zugang finden. Ich habe mir angewöhnt, jeden Schnipsel, der mir einfällt, sofort in meinem Smartphone zu speichern. Das kann beim Spazierengehen oder beim Autofahren sein. Schwierig ist es, die Idee zum Klingen zu bringen. Da muss man technisch rangehen, eine Akkordfolge, eine Melodie, vielleicht sogar einen passenden Text dazu finden.

Wie lange arbeitest Du an einem Stück?

Das ist sehr verschieden; es kann dauern oder auch mal ganz schnell gehen, wie z.B. beim „Song for Ninja“, den ich für meine damals zehnjährige Tochter an einem Nachmittag geschrieben und aufgenommen habe. Das Motiv war in meinem Kopf; irgendwann habe ich es in einer halben Stunde vertont, die AABA-Form ergab sich fast von selbst und Urban Beyer hat dazu Arrangements für drei Bläser geschrieben, sodass wir es mit Groove Juice spielen konnten. Normalerweise dauert es lange, bis eine Idee so klingt, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich nehme erste Entwürfe auf und höre sie gegen. Das geht auch gut mit dem Looper. Ich muss es immer wieder hören. Bei mir entstehen die Kompositionen nicht im Kopf wie bei den großen Komponisten!

Du schreibst auch dreizeilige Gedichte, sog. Haikus, die mit jeweils fünf bzw. sieben Silben eine bestimmte rhythmische Form haben. Ist das Komponieren mit Sprache und Anregung für eine Vertonung?

Diese Versform kommt aus Japan und besticht durch ihre einfache Struktur, mit der man die kleinen Dinge des Alltags, insbesondere Stimmungen und Gefühle einfangen kann. Aktuell werden jeden Tag Haikus gedichtet, das gehört zur japanischen Tradition. Ich habe 2015 damit angefangen, angeregt durch ein Buch mit chinesischen und japanischen Gedichten, das mir mein Vater überlassen hat. Ein Haiku-Meister hat einmal gesagt, dass man nicht größer als ein Dreikäsehoch sein sollte, wenn man Haikus schreibt. Das gefällt mir. Die kleinen Dinge, die scheinbar Unauffälligen, sind es, die das Leben tagtäglich schreibt. Die Beschäftigung damit hat mir in einer dunklen Phase 2016 geholfen. Da hatte ich einen Therapieaufenthalt wegen einer depressiven Episode. Dieses Krankheitsbild ist gar nicht so selten in Künstlerkreisen. Wichtig ist es, dieses offen anzusprechen und es anzunehmen.

Haiku und Heiko! Das klingt gut.

Oh ja, das liegt nahe!

Es ist sicher reizvoll, zu den Gedichten eine passende Musik zu finden.

Das ist schwer, aber ich versuche es. Zwei habe ich schon vertont, an drei und vier bin ich dran. Da suche ich nach einer schönen Ostinato Basslinie. Die vertonten Gedichte „Weiden“ und „Bach“ trägt mein Sohn, der eine schöne Stimme hat, im Rap-Stil vor. Er wird auch bei „Sounds from Wood“ wieder als Gast dabei sein.

In der Kasseler Jazzszene trittst Du vor allem als Kontrabassist in vielen verschiedenen Ensembles in Erscheinung. Wie ist Deine Beziehung zu diesem sperrigen Instrument?

Ich teile die Sweet-Bitter-Love vieler Musiker zu ihrem Kontrabass. Ich hatte immer hohen Respekt vor diesem Instrument und habe erst im Alter von dreißig Jahren damit angefangen. Jürgen Bock hat mir einmal während seines Urlaubs seinen Kontrabass geliehen, weil er der Meinung war, dass ich dieses Instrument unbedingt spielen müsse und dafür bin ich ihm ewig dankbar. Vom E-Bass her hatte ich schon auf eine gute Greifhand-Technik geachtet. Ich konnte alles in Ruhe ausprobieren, es ging relativ schnell. Danach habe ich mich immer mehr mit diesem Instrument angefreundet; es hat mir viele neue Spiel- und Auftrittsmöglichkeiten eröffnet.

Und wie kommst Du mit Deiner Rolle als „Sideman“ zurecht?

Das Sideman-Schicksal kann auch schön sein! Diese Rolle kommt mir sogar entgegen, das hat vielleicht etwas mit der gesunden Faulheit zu tun. Man hat nicht so eine große Verantwortung, man muss sich zurücknehmen, die anderen zum Klingen bringen. Damit muss man klarkommen. Inzwischen macht es mir Freude. Ich leide nicht mehr darunter, in der zweiten Reihe zu stehen. Ich musste tatsächlich schon mal für ein Getränk in der Pause bezahlen, weil der Mann hinterm Tresen nicht gemerkt hatte, dass ich genauso lange gespielt hatte wie die anderen Musiker, die ein Freigetränk bekamen. Man bekommt im Laufe der Zeit viel Routine, muss nicht mehr ins kalte Wasser springen. Gut ist, dass ich als Sideman im mehreren Ensembles spielen kann und oft angerufen werde, weil ein Bassist gebraucht wird. Es ist immer noch sehr schwierig, von Jazzmusik zu leben.

Jetzt möchten wir gerne noch wissen, wie alles angefangen hat und was Dich besonders geprägt hat.

Ich bin Autodidakt und das fing mit acht Jahren am „Bahlsenschlagzeug“ an. Mit der Keksdose und anderen Gegenständen erprobte ich mit meinen Spielkameraden erste rhythmische Gebilde, wir gründeten eine „Band“ und haben „Robby, der Musikroboter, spielt als wär ‘ne Schraube locker“ vertont. Mit dreizehn Jahren habe ich mir von meinem erarbeiteten Geld einen Bass gekauft und seitdem hat es mich nicht mehr losgelassen. In Bochum, wo ich aufgewachsen bin, habe ich Rockmusik in verschiedenen Bands gespielt. Das war die Zeit von “Geier Sturzflug“, „Fritz Brause“ oder „Franz K.“. Free Jazz war auch dabei, doch in Bochum fehlte der Swing. Ich wollte immer eine Band mit mindestens zwei Bassisten gründen, um meine eigenen Songs zu spielen. 1989 gründete ich ein Quartett mit Bass, Bass, Drums und Perkussion - wunderbar! Bei „sounds from wood“ spielen wir aus der Zeit einiges. Als ich 1988 nach Kassel kam, studierte ich damals Geschichte und Deutsch und suchte eine Uni-Stadt, in der man Musik machen konnte. In erster Linie wollte ich ordentlich studieren. Das habe ich genau ein Semester geschafft, dann hörte mich Markus Wickel auf einer Session und empfahl mich der GhK-Big Band. Unter der Leitung von Bernhard Mergner spielte die Big Band zu der Zeit. Das Vorspiel neben Andreas Henze war aufregend. Meine Bedenken, dass ich gar keine Noten kennen würde, zerstreute dann Bernhard Mergner: „Du kannst spielen und hast Groove, Noten lernst Du später.“ Und so kam es dann auch. Von da an nahm alles seinen Lauf. Ich war plötzlich mitten in der jungen-alten Jazzszene, lernte viele Musiker kennen, mit denen ich heute noch spiele. Gelernt habe ich viel bei den alten Hasen: Henner Urff, Reinhold Brundig oder auch Rikky. Wir gründeten Bands, z. B. „Luna Park“ mit Werner Kiefer, Ulli Götte und Jörg Müller-Fest oder das „Interquintett“ von Jurij Tichomirow mit Werner Kiefer und zwei russischen Musikern, mit dem wir u.a. in der damaligen Sowjetunion und in den USA waren. Heute ist neben allen anderen Ensembles FN 22 eine wichtige Band für mich. Wir erleben und gestalten vieles zusammen, unabhängig von ökonomischer Verwertbarkeit. Das gibt viel Kraft!

Mehr unter www.heikoeulen.de

Foto: Mario Zgoll
Das Interview fand im April 2019 statt.