Rolf Rasch

„Das Altsaxofon fordert mich immer wieder neu heraus.“

Er spielt gerne Bebop, Hard Bop und vor allem Post Bop. Von allen Instrumenten, die er beherrscht, ist ihm das Altsaxofon das Liebste.

In der Kasseler Jazzszene steht Dein Name für präzise Intonation und elegante Phrasierung. Wie machst Du das?

Die ersten Musiker, die mich als Jugendlichen wirklich beeindruckt haben, waren Saxofonspieler, allen voran Paul Desmond. „Take Five“ öffnete mein Herz für Jazz. So wollte ich spielen können! Präzise zu spielen, hat mir mein Klarinettenlehrer beigebracht. Das war zu Beginn meines Musikstudiums. Er hat mir gezeigt, wie man Genauigkeit und Geschwindigkeit zusammenbringt. Die spielerische Leichtigkeit habe ich bei Herb Geller, einem meiner Saxofonlehrer, kennengelernt und mein großes Vorbild für Phrasierung und eleganten Stil ist nach wie vor Phil Woods.

Ehemalige Kommilitonen berichten, dass Du schon Ende der siebziger Jahre als Musikstudent auf professionellem Niveau gespielt und zusammen mit Bernhard Mergner die GhK-Bigband geleitet hast. Wie konntest Du so schnell so weit kommen?

Ich komme aus einer musikalischen Familie, mein Großvater war Musiker und ich habe sehr viel Musik gehört. Sonntagnachmittags gab es immer die „Swing Party“ im Radio und bei einem Freund hörte ich zum ersten Mal Jazz. In der Schallplattensammlung seines Vaters fanden wir nicht nur Louis Armstrong, Duke Ellington, Dave Brubeck u.a., sondern auch Free Jazz. Das war der Auslöser für meine Jazzbegeisterung. Als ich mit 16 Jahren mein erstes Tenorsaxofon bekam – vorher habe ich Trompete, Bass und Schlagzeug gespielt – hatte ich ein halbes Jahr Unterricht. Den Rest habe ich mir nach der Methode „Hören und Nachmachen“ selbst beigebracht. Ich erinnere mich, dass ich z. B. die Blues Riffs, die in vielen der frühen Count Basie Stücke vorkamen, immer wieder mitgespielt habe. In meinen ersten Bands, den „College Swingers“ mit Dieter Schreyer u. a. und der Rockgruppe „Agatha“ habe ich die Improvisation vertieft. Das war noch zu Schülerzeiten.

Du sollst auch Charlie Parker sehr gut imitiert haben, wie wir aus gut unterrichteten Kreisen wissen!

Wenn man sich mit Jazz beschäftigt und zudem noch Saxofon spielt, ist Charlie Parker unausweichlich. Mich hat Parker damals völlig gefesselt. Aber als Schüler war ich noch nicht fähig, diese Musik nachzuspielen. Das kam erst später im Studium, als ich viel Zeit investierte, um Parkers Solos Ton für Ton von der Schallplatte oder dem Kassettenrekorder abzuhören.

Für die GhK-Bigband hast Du auch Arrangements geschrieben und eigene Stücke komponiert. Wie war das möglich? Jazzharmonie lernt man nicht einfach so nebenbei.

Lustigerweise habe ich das in einem Tanzorchester gelernt. Ich war 17 und spielte in einer Small Bigband namens „Tanzorchester Jan Winters“. Wir hatten zwei Mappen à 500 Seiten, jeweils mit bedruckter Rückseite, also 2000 Stücke! Darunter waren alle denkbaren Bigband Stücke, aber auch Schlager. Da wurde vom Blatt gespielt, alles, was die Leute hören wollten. Für unsere Besetzung mussten viele Stücke umgeschrieben werden, eine gute Gelegenheit, mich als Arrangeur auszuprobieren. Das war natürlich sehr laienhaft. Im Studium konnte ich das perfektionieren und für die GhK-Bigband Partituren schreiben, übrigens damals noch mit Bleistift.

Du hast seit dieser Zeit in vielen Bands gespielt und selbst welche gegründet. Welche Bands haben Spuren bei Dir hinterlassen?

Die hochkarätigste Band, in der ich mitspielen durfte, war ein Quartett mit Bernhard Mergner an der Trompete, Otto Wolters am Klavier, Sigi Busch, später Andreas Henze, am Bass und Hannes Clauss am Schlagzeug. Wir haben von 1985 bis 1989 zusammengespielt und sind oft in Norddeutschland aufgetreten. Das war eine sehr wichtige Zeit für mich als Jazzmusiker. In Kassel hatte ich zur gleichen Zeit ein Saxofon Quintett mit Rhythmusgruppe mit dem bezeichnenden Namen „Rhythm and Reeds“, u.a. mit dem leider schon verstorbenen Mel Phillips am Altsax und dem jungen Heinrich Köbberling am Schlagzeug. Dann gab es natürlich auch noch die Rock Jazz Band „Chapter X“ mit Jürgen Fromm, Wolfgang Wunderlich, Rolf Denecke bzw. Heiko Pape und Martin Scholz sowie Manfred von der Emde, mit der wir ein ganz ausgefallenes und anspruchsvolles Programm erarbeitet haben. Auch das Kasseler Saxofonquartett mit Peter Zingrebe, Matthias Wittekind und Michael Koch, mit denen ich mehr als zehn Jahre spielte, hat mir viel bedeutet.

Deine neueste Band „Saxpack“ wurde 2017 gegründet und besteht aus einer ganz besonderen Musikermischung.

Ja, das ist ein Ensemble von sehr vielseitigen Musikern aus der freien Szene, dem Staatstheater und dem Heeresmusikkorps. Die Idee dazu hatte Alfred Wurm, Klarinettist im Staatstheaterorchester mit Liebe zum Jazz und zur Volksmusik. Michael Rosenthal, Michael Koch und Klaus Wenderoth sind gestandene Musiker aus der freien Szene, ebenso Hansi Rödig, der übrigens auch ein toller Maler und Fotograf ist. Torsten Eckerle und Rainer Hartl sind Mitglieder im Heeresmusikkorps, haben aber auch schon mit mir in der Funkband „Phunkophonic“ gespielt. „Saxpack“ ist eine geballte Mischung aus musikalischer Erfahrung und Spielfreude. Unser Auftritt beim Kasseler Jazzfrühling 2019 im Theaterstübchen hat uns Riesenspaß gemacht und den Zuhörern offenbar auch.

Du bist freier Musiker, Instrumentallehrer und arbeitest an verschiedenen Bühnen als Theatermusiker.

Theatermusik ist mein existenzielles Standbein. Hauptsächlich bin ich am Kasseler Staatstheater beschäftigt, wo ich seit ca. 20 Jahren für viele Musicalproduktionen – zuletzt „West Side Story“ und demnächst „Candide“ – sowie Filmmusik Konzerte, aber auch Opern, Operetten und Sinfoniekonzerte verpflichtet wurde. Daneben bin ich seit 2008 häufiger Gastsolist im Orchester der Neuen Philharmonie Westfalen bei Filmmusik und Crossover Konzerten, die z.B. einem Musiker wie Duke Ellington oder Frank Sinatra gewidmet sind. Dafür wird das ganze Orchester manchmal durch eine Big Band erweitert. Es ist eine ganz wunderbare Erfahrung, in einem so großen Orchester zu spielen. Mir wird dabei heiß und kalt, so sehr fühle ich mich emotional berührt. Auch am Deutschen Theater in Göttingen habe ich regelmäßig Engagements, zuletzt in dem wunderbaren Musical „Lazarus“ von David Bowie. Die Proben und Konzerte nehmen allerdings viel Zeit in Anspruch und ich bin häufig in Nordrhein-Westfalen unterwegs. Daher habe ich den Jazz einige Jahre etwas vernachlässigt.

Auch im Leben eines begnadeten Musikers geht es nicht immer nur bergauf. Wie war das bei Dir?

Es gab mehrere Brüche in meinem Musikerleben. Es war immer mein Traum, Musiker zu werden, und zunächst ging es gut voran. Nach dem Studium arbeitete ich mehrere Jahre als freier Musiker. Als Ende der achtziger Jahre bei der NDR-Bigband eine Baritonsaxofon Stelle frei wurde, war ich im Gespräch. Aber leider wurde nichts daraus. Danach habe ich mich für den Schuldienst entschieden, machte das Referendariat und arbeitete mehrere Jahre als Lehrer, hatte zuletzt sogar eine Beamtenstelle. Als mir klar wurde, dass ich kaum noch Zeit für Musik hatte, habe ich den Dienst im Jahr 2000 quittiert. Keine leichte Entscheidung. In der letzten Spielzeit am Staatstheater Kassel durfte ich in einem Filmmusik Konzert bei der Ouvertüre zu „Lalaland“ eine drei- bis vierminütige freie Jazz Kadenz spielen, ganz allein vor 1000 Zuhörern. Dafür gab es in jeder Vorstellung großen Applaus vom Publikum, aber auch von den Orchesterkollegen, deren Lob mir viel bedeutet, weil das alles Leute mit großen musikalischen Fähigkeiten sind. In solchen Momenten weiß ich, dass ich damals die richtige Entscheidung getroffen habe. Und in letzter Zeit kann ich mich auch wieder stärker dem Jazz widmen.

Welches von allen Saxofon- und Klarinetteninstrumenten, die Du beherrschst, spielst Du eigentlich am liebsten?

Mein Lieblingsinstrument ist das Altsaxofon. Damit kann ich mich am besten ausdrücken. Gleichzeitig führe ich mit diesem Instrument einen ewigen Kampf. Das ist beim Tenor-, Sopran- oder Baritonsaxofon nicht der Fall. Das Altsaxofon fordert mich immer wieder neu heraus. Ich arbeite täglich am Klang, an der Intonation und der Phrasierung und fühle trotzdem, da ist immer noch etwas, das ich auf meinem Instrument erreichen will. Ich glaube, je älter ich werde, umso näher komme ich diesem Ziel.

Rolf, dabei hören wir Dir gerne zu.

Kurzbiografie

Rolf Rasch lernte mit 7 Jahren Trompete, spielte Bass und Schlagzeug, seit seinem 16. Lebensjahr Saxofon und später auch Klarinette; studierte Musik und Sport an der Gesamthochschule Kassel und Jazz an der Hochschule für Musik in Hamburg im Modellversuch Popularmusik; nach dem Studium freiberufliche Tätigkeit als Musiker, danach mehrere Jahre Schuldienst; seit 2000 Instrumentallehrer sowie freier Jazz- und Theatermusiker mit Engagements bei der Neuen Philharmonie Westfalen, am Staatstheater Kassel und am Deutschen Theater in Göttingen.

Stand: Oktober 2019; Foto © Henry Koch