Tobias Schulte

„Ich lebe gerade meinen Traum.“

Seine Solos rufen jedes Mal Begeisterung hervor, er liebt Rock, Pop, Latin und besonders Jazz. Sein Einfallsreichtum und seine Virtuosität machen den Schlagzeuger und Perkussionisten Tobias Schulte zu einem sehr gefragten Ensemblespieler.

Du hast gerade mit triosence in Italien ein neues Album eingespielt. Hat das Jahr für Dich damit gut angefangen?

Ja, unbedingt. Es war ein Traum, mit Bernhard Schüler und Omar Rodriguez Calvo in einem so tollen Studio zu arbeiten. Am dritten Tag war alles fertig. Das lag daran, dass wir intensiv geprobt und die neuen Stücke auch schon bei Konzerten, u.a. im Theaterstübchen und auf dem Dach der Grimmwelt, gespielt hatten. Das war eine optimale Vorbereitung für die Studioaufnahmen. Die größere Herausforderung war der Einstieg bei triosence. Ich sollte zunächst anstelle von Stephan Emig einige Konzerte spielen. Nach und nach kamen immer mehr Konzerte hinzu, sodass ich 2018 der neue Schlagzeuger von triosence wurde.

Wie schwierig ist der Einstieg in ein bestehendes, bestens aufeinander eingespieltes Trio?

Den Job zu übernehmen, war für mich wahrscheinlich einfacher als für die meisten anderen, da ich Stephan sehr gut kenne, sowohl als Lehrer als auch als Kollegen auf der Bühne. Den entscheidenden Tipp aber hat mir Omar gegeben; nach einem Auftritt in Koblenz sagte er zu mir, ich solle mehr meinen eigenen Stil spielen.

Vor etwa zehn Jahren bist Du auch ins Edgar Knecht Trio eingestiegen. Erinnerst Du Dich noch, wie es anfing?

Daran erinnere ich mich noch ganz genau: Ich stand gerade im Foyer des Kulturbunkers, als Edgar anrief und fragte, ob ich mir vorstellen könnte, mal mit ihnen zu spielen und gegebenenfalls ins Edgar Knecht Trio einzusteigen. Da entfachte sich in mir innerlich ein Feuerwerk, da es genau das war, wonach ich strebte. Dies wollte ich Edgar in dem Moment allerdings nicht zeigen, dachte aber „Yes, yes, yes“ und versuchte cool zu bleiben.

Im kommenden Jahr wirst Du mit triosence und mit dem Edgar Knecht Trio auf Tour sein. Bekommen wir und Deine Schüler Dich in Kassel überhaupt noch zu sehen?

Schon, aber ich werde bei den anderen Bands kürzertreten müssen. Auch die Drumschool läuft weiter, wenn ich nicht vor Ort bin. Es ist für alles gesorgt.

Beim letzten Jazzfest hast Du während der Langen Jazznacht im Gleis 1 im Sven Krug Quartett, bei Shelter Brass und der Susanne Vogt Band gespielt. Außerdem spieltest Du ein Konzert mit den Lucky Boys im Dock 4. Man konnte sehen, dass Dir dieser Auftritt besonders viel Spaß gemacht hat.

Ein Auftritt mit den Lucky Boys hat für mich, vor allem wegen Jacek Moczulski, der inzwischen in Köln lebt, einen besonderen Stellenwert. Mit ihm habe ich früher viel gespielt, wir studierten zusammen an der Los Angeles Music Academy und haben zusammengewohnt. Deswegen verbindet uns eine besondere Freundschaft, die sich natürlich auch auf die musikalische Arbeit auswirkt.

Der Aufenthalt in den USA hat Deinen musikalischen Werdegang entscheidend geprägt. Wie kam es dazu?

Es war das intensivste Jahr in meinem Leben überhaupt. Nach Abschluss meiner Ausbildung als IT-Kaufmann stand ich 2006 vor der Entscheidung, eine angebotene Stelle anzunehmen oder etwas Neues zu wagen. Ich hatte von der Los Angeles Music Academy gehört und mit Jacek Moczulski und Thomas Kepper in Prag zum ersten Mal einen Jazz Workshop besucht. Ins Ausland zu gehen und richtig Englisch zu lernen, hat mir mein Vater schon immer ermöglichen wollen. Dass ich Musik studieren wollte, entsprach nicht seinen Vorstellungen, wurde mit Hilfe meiner Mutter dann doch akzeptiert. Vielen Dank an meine Eltern dafür!

Wie hart war das Studium?

Ich habe den ganzen Tag Musik gemacht, so viel geübt wie noch nie, aber unter den besten Bedingungen und mit den tollsten Lehrern und Mitstudenten, die man sich vorstellen kann. Dazu gehören auch frustrierende Erfahrungen. Mike Shapiro, ein sehr geschätzter Lehrer, hat mich einmal von der Bühne geschickt, als ich den Song „Funky Drummer“ nicht gut genug gespielt habe. Das war zunächst frustrierend, spornte mich aber noch mehr an. Auf dem Campus gab es ca. zehn Schlagzeugübungszellen, die 24 Stunden geöffnet hatten. Ich ging nach dem Unterricht abends dorthin, übte die ganze Nacht durch und ging morgens wieder in den Unterricht. Ein weiteres Schlüsselerlebnis gab es, als die Jazz-Schlagzeugklasse geteilt wurde und meine Gruppe einen anderen Lehrer bekam, was ich zunächst als Nachteil gesehen hatte. Doch unser Lehrer Tony Inzalaco, u.a. Drummer im Oscar Peterson Trio, hat mich im Nachhinein geprägt wie kein anderer. Seinetwegen spiele ich heute Jazz.

Wann zeigte sich, dass Du eine besondere Begabung für Schlagzeug hast?

Ich hatte wohl schon als Kind Freude daran, mit Kochlöffeln auf Töpfe zu schlagen und baute mir aus Baukisten ein Schlagzeug. Ein bevorstehender Umzug nach Kassel, wo ich nicht hinwollte, wurde mir mit dem Versprechen versüßt, dass ich ein Schlagzeug und Unterricht bekommen würde. So bekam ich also ab dem 10. Lebensjahr Schlagzeugunterricht. In der Schule durfte ich bei Songvorstellungen meine Lehrerin Giesela Klähn, wenn sie Klavier spielte, begleiten. Mir machte es Spaß und den Leuten hat es gefallen. Gerade das Spielen in der Schulband brachte mir Erfolgserlebnisse, deshalb empfinde ich diese Erfahrung als sehr wichtig und als Lehrer lege ich sie heute jedem Schüler nahe. Natürlich hatte ich wie fast jeder Jugendliche irgendwann keine Lust mehr Schlagzeug zu spielen. Triolen waren der Auslöser dafür. Heute liebe ich sie.

Worin besteht die Faszination Schlagzeuger zu sein?

Ich spiele das beste Instrument der Welt! Im Vergleich zu anderen Musikern habe ich sehr viele Möglichkeiten, notierte Musik zu gestalten und frei zu spielen. Ich genieße es sehr, hauptberuflich Schlagzeuger zu sein, weil es sich nicht so anfühlt, als würde ich arbeiten.

Du kannst sogar mehr als vier verschiedene Rhythmen gleichzeitig spielen, setzt immer wieder neue Perkussionselemente ein und wirkst dabei sehr konzentriert.

Oh, ich kann auch ausflippen, wenn ich es möchte. Ich nutze alle möglichen Sounds. Wenn ich z.B. mit dem linken Fuß HiHat und Kuhglocke abwechselnd bediene, habe ich quasi zwei Rhythmen mit einem Fuß und spiele darüber noch mit dem anderen Fuß und den Händen. Besondere Effekte entstehen auch durch den Einsatz verschiedener Perkussionsinstrumente. Alles, was zur Musik passt, ist gut.

Eine besondere Herausforderung für den Schlagzeuger sind ungerade Rhythmen in Kombination mit Taktwechseln im Thema. Wie gelingt es Dir, solche rhythmischen Hürden zu bewältigen?

Am Anfang hilft nur stures Zählen, bis im Kopf eine Melodie entsteht. Bei den ungeraden Rhythmen, der Odd-Metre-Music, wie ich sie z.B. mit den Lucky Boys spiele, fühlt man irgendwann die Akzente, die den Rhythmuswechsel markieren oder wenn man einen 5er-Takt oft gespielt hat, empfindet man ihn nicht mehr als ungewöhnlich und kann in anderen musikalischen Zusammenhängen darauf zurückgreifen. Auch ein Taktwechsel wie z. B. ein Zwiefacher wirkt irgendwann natürlich. Darüber muss man beim Spielen nicht mehr nachdenken.

Woran merkst Du, dass die Band gut zusammenspielt?

Das perfekte Zusammenspiel oder wie ich es nenne, der interne Groove, entsteht, wenn gerade jeder weiß, was die anderen machen. Bei bekannten Mitspielern geschieht das oft, kann aber auch mal bei einer Telefonband, die man am Vorabend zusammengerufen hat, vorkommen.

Wie sehen Deine musikalischen Höhenflüge und Albträume aus?

Höhenflüge erlebe ich, wenn ich so fasziniert bin von der gerade entstehenden Musik, dass ich mich selbst ausblende. Das habe ich in der ersten Probe mit Jean-Louis Matinier, mit Nils Landgren und zuletzt mit Omar Rodriguez erlebt. Meistens geschieht das, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Ich spiele und staune nur noch. Einen Albtraum hatte ich beim Spielen noch nicht, Blackouts vor Aufregung aber schon. In den USA musste ich regelmäßig vor zwanzig Schlagzeugern auftreten und ich habe gezittert, was sich unmittelbar auf die Besen übertrug. Das konnte man hören! Nach einigen Monaten hatte sich das gelegt und inzwischen kann ich Blackouts gut kaschieren. Ich gehe jetzt immer mit großer Freude auf die Bühne.

Der Ausblick auf das Jahr 2019 sieht vielversprechend aus.

Ja! Ich darf jetzt mit zwei international erfolgreichen Bands spielen und ich freue mich auf die zahlreichen Konzerte im In- und Ausland. Ich lebe gerade meinen Traum.

Kurzbiografie

Tobias Schulte lernte mit zehn Jahren Schlagzeug und hatte mit zwölf Jahren seine erste Band. Nach einer abgeschlossenen Ausbildung als IT-Kaufmann ging er 2006 zum Studium an die Los Angeles Music Academy. Er spielt Rock, Pop, Latin und Jazz, hat schon mit sehr vielen namhaften Musikern und Bands zusammengespielt. In Kassel tritt er u.a. mit dem Edgar Knecht Trio, triosence und dem Sven Krug Quartett auf. Er leitet die Drumschool Kassel und unterrichtet Schlagzeug und Percussion.

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Foto: Carsten Herwig