Urban Beyer

„Ich bin in der glücklichen Lage, dass mir alles, was ich mache, Spaß macht.“

Er spielt Trompete, Klavier und fast alle anderen Instrumente, er singt und tanzt, seine Leidenschaft ist der swingende Jazz, er liebt Latin und vieles mehr, er komponiert und arrangiert. Wo er ist, ist Musik.

Du bist ein viel beschäftigter Musiker, spielst in mehreren Bands und gibst regelmäßig Konzerte auf verschiedenen Bühnen. Welche Auftritte aus dem letzten Jahr sind Dir in besonderer Erinnerung geblieben?

Viele! Es fällt mir schwer, eine Auswahl zu treffen. Als Beispiele nenne ich mal die Weihnachtskonzerte mit Groove Juice; das Feedback war überwältigend. Ein besonderes Highlight war der Auftritt mit dem Knut Richter Swingtett beim Jazz-Fest „Swinging Hannover“, wo ich viele tolle Kollegen traf. Wir spielten mehrere Stunden auf der Bühne hinter dem Rathaus. Das war Swing, wie ich ihn liebe! Riesenspaß machten mir auch die Auftritte mit dem Kasseler Herrenkonfekt; Florian Brauer und ich teilen die Lust am Spiel, die wir in unserer musikalischen Revue ausleben können. Auch mit der Band FN22 hatte ich einen außergewöhnlichen Auftritt im Theaterstübchen. Wir hatten den Schlagzeuger Tobias Schulte und den Saxofonisten Matthias Wittekind dabei, spielten unsere eigenen Kompositionen, teilweise in neuer Bearbeitung, und es taten sich neue musikalische Wege in Richtung Fusion auf. Da war viel Persönliches dabei. Ja, und gestern beim Fest der Kulturen auf dem Kasseler Königsplatz habe ich auch wieder etwas Besonderes erlebt: Kurz vor dem Auftritt mit Rey Valencia y Ricoson, einer Salsa Band, in der ich Klavier spiele, fiel unser Trompeter aus. Rey hat dann kurzfristig eine Pianistin gefunden und ich musste Trompete spielen – ein Auftritt mit zwei Aushilfen sozusagen! Wir mussten sehr viel improvisieren, waren äußerst konzentriert. Es hat funktioniert und unsere Stimmung wurde immer besser.

Neben zahlreichen Auftritten in verschiedenen Formationen im Raum Kassel und Hannover bist Du ein gefragter Solist, bekommst Engagements beim Theater und bei Festspielen und warst an mehr als dreißig CD-Einspielungen beteiligt. Sind die Bands, von denen Du schon einige erwähnt hast, die Konstanten in einem äußerst abwechslungsreichen Musikerleben?

Ja, die Bands vielleicht, aber eher sind es die Personen, mit denen ich schon lange zusammenspiele, die konstant bleiben. Während des Musikstudiums holten mich Werner Kiefer und Heiko Eulen in ihr Quartett Luna Park, in dem auch Jörg Müller-Fest und Ulli Götte spielten. Mit Werner und Heiko trete ich seit einigen Jahren als Trez Amigos auf. FN22 mit Heiko Eulen und Jörg Müller-Fest gibt es seit 2004 und wir proben jede Woche, nehmen uns Zeit für Detailarbeit, probieren viel aus, treten aber nicht so oft auf. Bei den Urban Swing Workers mit Jens Großmann und Jürgen Müller ist es genau umgekehrt; wir sind eher eine ‚playing band‘, wollen spielen, spielen, spielen, d.h. wir sehen uns auch regelmäßig. Mit Werner Kiefer und Heiko Eulen mache ich außerdem die monatliche French Quarter Jam Session im Theaterstübchen.

Diese Jam Session gibt es seit 2014 und erfreut sich zunehmender Beliebtheit bei den Teilnehmern und beim Publikum. Wie erklärst Du Dir den Erfolg?

Na ja, man weiß nie, wie es läuft. Als Organisatoren sind wir jedes Mal angespannt, wir wissen nicht, wie viele und welche Musiker kommen und die einzelnen Sets müssen oft ganz spontan zusammengesetzt werden. Wir freuen uns natürlich, dass die Veranstaltung so gut angenommen wird, denn unser Anliegen war, den Oldtime Jazz und Swing lebendig zu halten. Viele meinten ja und meinen es immer noch, dass diese Stilistik im Jazz überholt sei. Wir sind da ganz anderer Meinung und die Reaktionen des Publikums bestärken uns in dieser Einschätzung. Es gibt bei den wechselnden Besetzungen auf der Bühne immer wieder tolle Momente und Überraschungen für alle Beteiligten, die die Sache ernst nehmen. Das ist vielleicht eine Erklärung für den Erfolg, sicher spielt es auch eine Rolle, dass diese Musik gut hörbar ist.

Du bist nicht nur Musiker, sondern auch Veranstalter und hast die Jazzszene um einige neue Veranstaltungsformate bereichert, darunter der „Kasseler Kunsthappen“ und „Urbans Wohnzimmer“. Werden diese Reihen fortgesetzt?

Auf jeden Fall. Der „Kasseler Kunsthappen“ mit FN22 wird in dieser Form weitergeführt. Das Konzept mit zwei musikalischen Sets, einem bildenden Künstler oder einer Künstlerin und einem überschaubaren Angebot an Speisen und Getränken an einem besonderen Ort ging auf. Der organisatorische Aufwand ist relativ groß, aber wir werden es wieder machen, weil wir damit neue Türen öffnen und ein neues Publikum ansprechen können. Das „Wohnzimmer“ wird es auch wieder geben, wenn wir wieder ein Wohnzimmer für den Sonntagnachmittagskaffee mit einem Jazzmusiker oder einer Jazzmusikerin haben. Durch die Schlachthofrenovierung sind wir vorübergehend heimatlos geworden.

Eine ganz neue Reihe von Dir, die allerdings nicht dem Jazz gewidmet ist, heißt „Universal Vocal Jam“ im Theaterstübchen.

Diese Veranstaltung ist ein Selbstläufer, der sich aus der French Quarter Jam Session ergab. Die Nachfrage für Auftrittsmöglichkeiten vor allem von Sängerinnen war so groß, dass wir sie in dieser Session nicht unterbringen konnten; die Stücke passten auch nicht zum musikalischen Konzept. Mit Unterstützung von Markus Knierim können wir eine zweite monatliche Session anbieten. Dieses Format habe ich mir in Paris abgeguckt, da gibt es das Café Universel in der Rue St. Jacques im berühmten Quartier Latin. Es gibt eine Hausband, aber die Musik ist stilistisch frei und jeder kann sich mit einem Stück auf einer Liste eintragen. Wenn noch Platz ist, geht auch mehr. Mal sehen, wie es läuft.

Wieviel Arbeit steckt hinter der Leichtigkeit, mit der Du Dich auf der Bühne zwischen Klavier, Trompete, Gesang und Moderation hin und her bewegst, gelegentlich auch tanzt?

Vielleicht liegt es daran, dass es bei mir keine Trennung zwischen Privatleben und Beruf gibt. Ich übe, ohne es zu merken, die besten Einfälle habe ich oft beim Autofahren oder bei einem Waldspaziergang.

D. h., die Vorstellung, dass Du morgens aus dem Bett springst, Dich tanzend in die Küche begibst, Dir einen Kaffee machst und schon bald die ersten Songs auf den Lippen hast, ist gar nicht so falsch?

Hmmm, das ist vielleicht ein bisschen plakativ, trifft aber im Kern zu. Ich bin tatsächlich in der glücklichen Lage, dass mir alles, was ich mache, großen Spaß macht. Im Laufe der Jahre ist es mir gelungen, mir Nischen zu suchen, in denen ich mich wohlfühle. Ich kann mir vieles aussuchen, was ich mache und die Herausforderungen suche ich mir selbst. Es gibt auch Dinge, die mir nicht so liegen, z. B. im Orchestergraben zu sitzen und auf den Punkt zu spielen.

Bei aller Lust am Spiel bereitest Du Dich auf bestimmte Auftritte aber auch gründlich vor, z.B. für die Konzertmoderationen, die in sehr unterhaltsamer Form viel über die Musik und die Musiker erzählen.

Ja, schon. Für die Ansagen bei Groove Juice oder beim Jazz-Brunch im Staatstheater überlege ich mir etwas. Aber auch das geschieht eher unter der Dusche als am Schreibtisch.

Die Liebe zum Jazz hast Du als Kind entdeckt, als Du eine Louis Armstrong Platte geschenkt bekamst.

Das stimmt. Ich war fünf oder sechs Jahre alt, als ich für meine Mutter irgendetwas erledigen sollte und sie versprach mir dafür ein Geschenk. Das war diese Platte, die ich anschließend rauf und runter hörte. Außerdem suchte ich im Radio immer diese schnelle Musik, die ich so toll fand und die ich am Klavier nachklimperte. Es waren Bigband-Aufnahmen und am liebsten wollte ich all diese Instrumente selber spielen…

… was Dir ja später auch gelungen ist!

Ja, aber meine Hauptinstrumente sind Klavier und Trompete. Mit den anderen Instrumenten würde ich mich nicht auf eine Bühne stellen.

Gibt es bei Dir auch Durststrecken?

Auf jeden Fall und zwar auf zwei Arten. Ich kann nicht immer kreativ sein, das lässt sich nicht erzwingen und es gibt auch finanzielle Durststrecken. Inzwischen weiß ich, beides geht vorbei und ich habe keine Angst mehr davor. Die künstlerischen Durststrecken tun sich immer wieder auf, wenn ich viel unterwegs bin, denn ich spiele oft bei Veranstaltungen, mache Hintergrund- oder Gebrauchsmusik, auch Dinnermusik allein, zu zweit oder zu dritt, je nachdem. Damit verdiene ich mein Geld. In dieser Zeit fehlen mir die Konzerte, aber ich leide nicht unter diesem Broterwerbsjob.

Welchen Traum hast Du als Jazzmusiker?

Traum ist etwas Großes. Dafür muss man richtig gefordert werden! Ein Wunsch wäre es, Bigband Arrangements von meinen Stücken aufzuführen, etwa im Stil von Duke Ellington. Big oder small – es müsste richtig swingen, das ist ein Gefühl, ein gewisser Puls, etwas zum Aufsaugen, so ganz anders als der Elektroswing, den man so oft zu hören bekommt.

Keep swinging, Urban!

Allen, die Urban Beyer kennenlernen wollen und natürlich auch seinen Fans empfehlen wir das Video „Lazy in Paris“, das er in seinen Sommerferien aufgenommen hat. Was man nicht sehen kann: Er spielt alle Instrumente des Bigband Hintergrundsounds selber ein.

Eine ausführliche Biografie von Urban Beyer und weitere Informationen findet man unter urbanjazz.de

Foto: Photo Lounge Alicja